nach oben
Mefistofele (Erwin Schritt, rechts) verspricht Faust (Charles Castronovo) Erkenntnis. Doch die hat ihren Preis.  KREMPER
Mefistofele (Erwin Schritt, rechts) verspricht Faust (Charles Castronovo) Erkenntnis. Doch die hat ihren Preis. KREMPER
Isabelle Faust und Kristian Bezuidenhout spielen Mendelssohn.
Isabelle Faust und Kristian Bezuidenhout spielen Mendelssohn.
Unter Iván Fischer singen unter anderem die Solisten Barbara Kozelj (Alt, von links), Bernhard Richter (Tenor) und Hanno-Müller Brachmann (Bass).
Unter Iván Fischer singen unter anderem die Solisten Barbara Kozelj (Alt, von links), Bernhard Richter (Tenor) und Hanno-Müller Brachmann (Bass).
16.05.2016

Die Pfingstfestspiele beginnen mit einem erfolgreichen Wochenende

Jedes Jahr zu Pfingsten präsentiert sich das Baden-Badener Festspielhaus von seiner besten Seite. Berühmte Sänger, renommierte Orchester und ein abwechslungsreiches Programm lassen den Puls der klassischen Musik für kurze Zeit an der Oos schlagen. Dort sind noch bis zum Freitag einige Veranstaltungen zu erleben – unter anderem als Wiedersehen mit den Stars des vergangenen Wochenendes.

Den Beginn der Baden-Badener Pfingstwoche markiert am vergangenen Freitag die Opernpremiere. Arrigo Boitos „Mefistofele“ ist kein Schlager des Repertoires. Zu unbekannt scheint die einzige vollendete Oper des nur minder bekannten Komponisten – einer umtriebigen Künstlerexistenz zwischen Musik, Literatur und Bohème. Nicht weniger als den Fauststoff hat sich Boito vorgenommen – inklusive Schnelldurchlauf durch den zweiten Teil der Tragödie. Das funktioniert erstaunlich gut. Boito – Librettist von Verdis Otello und Falstaff – rafft den komplexen Stoff gekonnt, bleibt der Goethe’schen Dichtung teils erstaunlich treu – und kreiert ein Werk von philosophischer Wucht. Im Zentrum steht die Figur des Mefistofele, die von Erwin Schrott – nach leicht gedämpften Beginn – als verführend diabolische Gestalt mit eindrucksvoller Bühnenpräsenz gezeichnet wird. Zum Gelingen der Aufführung trägt aber vor allem auch die exzellente Inszenierung von Philipp Himmelmann bei, der die komplexen Raum- und Zeitwechsel der Vorlage in eine Welt von erhabener Ästhetik transportiert – inklusive eines erschreckend unpeinlichen Gebrauchs eines Totenkopfs im Bühnenbild. Die Münchner Philharmoniker unter Stefan Soltesz und der massive Philharmonia Chor Wien können da mühelos mithalten – und zeigen eine Premiere, die rundum begeistert.

Nicht ganz daran anschließen kann der Samstag. Denn beim Konzert des Leipziger Gewandhausorchesters unter John Eliot Gardiner mit Isabelle Faust (Violine) und Kristian Bezuidenhout (Fortepiano) wird das Potenzial eines solchen Aufeinandertreffens musikalischer Exzellenz nicht ganz ausgeschöpft. Das liegt vor allem an der schwachen Programmgestaltung des ersten Teils. Mit Brahms’ akademischer Festouvertüre eröffnet ein veritables Witzwerk den Abend, dem ein weiterer belangloser Programmpunkt folgt – Mendelssohns Konzert d-Moll für Violine, Klavier und Streichorchester, in dem Faust und Bezuidenhout mehr unmotivierte Läufe perlen lassen als musikalisch wirklich etwas mitzuteilen. Schade um solch eine Verschwendung. Die wahre Größe des Gewandhausorchesters zeigt sich nach der Pause mit Schumanns Rheinischer Sinfonie. Eine beeindruckende Orchesterdisziplin, minuziöse dynamische Kontrolle und die atemberaubende Gestaltung des entrückten vierten Satzes führen zusammen, was zusammengehört: große Musiker und große Werke. Keine Zugabe.

Am Sonntag stellt das Budapest Festival Orchestra unter Ivan Fischer zusammen mit dem Collegium Vocale Gent das Spätwerk Mozarts in den Fokus. Mit dem Klarinettenkonzert und dem Requiem treten zwei Schwergewichte gegeneinander an. Beide gelingen sehr anständig. Das Klarinettenkonzert mit Ákos Ács als Solisten ist sensibel gestaltet. Seine Interpretation gelingt dementsprechend in den idyllischen Passagen besser als im Schalk und in der Komik. Dass Ács aber durchaus auch zupacken kann, zeigt seine quietschlebendige Klezmer-Zugabe. Höhepunkt des Abends ist das Requiem. Auch hier geht Fischer manchmal zu behutsam vor und verpasst einige rhetorische Effekte des tiefdunklen Werks. Klangschönheit gilt ihm über alles. Das Collegium Vocale Gent zeigt sich – mit diesem dankbaren Klassiker des Chorrepertoires – als das, was es ist: ein Weltklasse-Ensemble.