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Eduardo Novellis „Features of Future“ zeigt das Pforzheimer Ballett-Ensemble in einer Dystopie, in der der Mensch zu einem armseligen Wesen verkommen ist.  Haymann
Eduardo Novellis „Features of Future“ zeigt das Pforzheimer Ballett-Ensemble in einer Dystopie, in der der Mensch zu einem armseligen Wesen verkommen ist. Haymann
02.05.2017

Die Reihe „TanzPur“ zeigt drei Choreografien junger Künstler

Experimentelle Werkstatt-Produktionen kleinerer Ballett-Compagnien sind oft von besonderem Reiz. In hohem Maß gilt das für die drei Stücke, die im Pforzheimer Theater-Podium beim neuen „TanzPur“-Abend Premiere hatten. Da waren originelle Spiel-Ideen und innovative Konzepte zu erleben, die deutlich in die Richtung des modernen Tanztheaters weisen.

Aufwühlende Hektik ist eindrucksvoll in Moritz Ostruschnjaks Choreografie „I had absolutely no reason to move in any direction“ („Es gab absolut keinen Grund für mich, mich in irgendeine Richtung zu bewegen“) zu spüren – auch als Spiegelung unserer Gesellschaft, die von Existenzängsten und Ziellosigkeit bestimmt scheint. Die sieben Akteure in dunkler Alltagskleidung laufen auf der dreiseitig von Publikums-Reihen eingerahmten Tanzfläche durcheinander und nehmen zur Donauwellen-Walzermusik von Johann Strauß allmählich Tempo auf. Dann sind ansatzweise tänzerische Impulse zu erkennen, die nach Augenblicken des Stillhaltens durch irrwitzige Solo-Einlagen verbunden werden. Da gibt es nervös-spastische Zuckungen zu sehen, eckiges Gehüpfe und Sprungversuche, Rollen rückwärts am Boden oder energische Kreisel-Läufe. Der zweite Teil des Stücks fällt zu elektronischer Rhythmus-Musik – von Kaitlyn Aurelia Smith & Suzanne Ciani – wild und temperamentvoll aus und führt am Ende alle Tänzer in einem Gruppen-Knäuel zusammen.

Zerbrechliche Zweisamkeit

Ein faszinierendes tänzerisches Formen-Crescendo bietet die zweite Tanz-Kreation – ein Duett, das ihr Choreograf Damian Gmür „Drift“ („Dahintreiben“) genannt hat. Ein Mädchen und ein junger Mann (Alba Valenciano López und Daan Visser) wagen in immer neuen gleitenden Anläufen die körperlich-seelische Annäherung, was in eine zerbrechliche Zweisamkeit mündet.

Nach der Pause zeigte Edoardo Novelli, selbst Pforzheimer Ensemble-Mitglied, mit barfüßigen Tänzern seine „Features of Future“ („Merkmale der Zukunft“). Zu Musikschnipseln von Madonna, Tschaikowsky und Underworld sind alle Protagonisten von Kopf bis Fuß von seidig weiß glänzenden Hauben und Ganzkörper-Trikots überzogen und wirken wie häschenhafte Zukunftsgeschöpfe, die piepsen, jaulen und sich zuweilen auch in Kunstsprachen artikulieren. Ein Sprecher tönt in die Runde: „Wir sind das, was sein wird.“ Die Aktivisten präsentieren sich durchaus als lustige Wesen, die den berühmten „Tanz der vier kleinen Schwäne“ aus dem „Schwanensee“ zu sechst heiter verulken, sich paarweise aufeinanderliegend wie lausende Äffchen verhalten und am Popo kratzen. Der Tanz ist zu minimalistischen Sequenzen geschrumpft, zu verspielten Momentaufnahmen aus einer digital beschleunigten, monströs niedlichen Zukunftswelt, in der die Körper jegliche Individualität verloren haben.

Für derlei Visionen gab’s im Podium langanhaltenden, auch begeisterten Premieren-Applaus.