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Kuratorin Sonja Klee vor einer Vitrine mit der Ernst-Plastik „Janus“.  Foto: Meyer/Schmuckmuseum/© VG Bild-Kunst, Bonn 2020 
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Titelblatt des von Ernst illustrierten Buchs „La dame ovale“.  Foto: Schmuckmuseum/© VG Bild-Kunst, Bonn 2020 
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Die Schönheit des Grauens: Schmuckmuseum kombiniert Exponate mit Werken von Max Ernst aus der Sammlung Würth

Pforzheim. Es gibt Ausstellungen, die muss man gesehen haben. Warum? Weil sie das Kopfkino auslösen, weil sie Neues entdecken lassen und Bekanntes in ein anderes Licht rücken. Bestes Beispiel: Die Schau „Max Ernst – Sammlung Würth im Dialog mit Werken aus dem Schmuckmuseum“, die ab Samstag zu sehen ist. Eine Premiere: Erstmals stellt die Einrichtung im Reuchlinhaus einen berühmten Künstler in einen Zusammenhang mit Schmuckstücken der Sammlung.

Verblüffende Übereinstimmungen und spannende Kontraste

Und es ist verblüffend, wie viele Übereinstimmungen und spannende Kontraste sich in den rund 70 Grafiken und der etwa gleichen Anzahl an Exponaten aus dem Pforzheimer Vorzeigemuseum finden. Eigene Gedankenblitze und Fantasien inbegriffen. Denn was der berühmte Surrealist mit seinen bildnerischen Geschichten, Collagen und Grafiken an Hirnfutter anbietet, das findet sich auch in zweieinhalbtausend Jahren Schmuckgeschichte wieder.

„Wir haben nicht jedem Bild direkt ein Schmuckstück zugeordnet“, schildert Schmuckmuseumsleiterin Cornelie Holzach das Ergebnis der Überlegungen. Denn sie will vor allem eines: Assoziationen wecken. Mal ganz direkt und offensichtlich, mal versteckt und erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Ein Beispiel: Da blickt ein scheinbar süßes Mädchen – „Geminal“ aus Max Ernsts Collagenroman „La femme 100 têtes“ – den Betrachter an. Nur: Rund herum Zerstörung, Zerstückelung. Scheinbar hübsch ist auch der Rubinring von Karl Fritsch – nur, dass der Stein durchbohrt, seiner Schönheit beraubt ist. Neben inhaltlichen Bezügen, sind es häufig auch Texturen und Formen, die sich in beiden Kunstformen spannend gegenüberstehen.

Von Chimären gejagt

Da gibt es vieles, was den bildenden Künstler und die Schmuckschaffenden in der Zeit zwischen zwei Weltkriegen bewegt hat – von Chimären gejagt, von Schönheit umgeben, in der auch immer wieder das Grauen durchblitzt. Etwa beim große Auge in der Arbeit „L’oeil sans yeux, la femme 100 têtes garde son secret“. Auch der bekannte Schmuckkünstler Bruno Martinazzi bearbeitet dieses Thema – mit einer Brosche, die ein halb geöffnetes Auge zeigt, das einen Spiegel im Inneren aufweist. Die Blickrichtung? Eine Frage, die beide Künstler dem Betrachter stellen. Die „Herrschaft der Logik“ – sie wird in vielen der Exponate ad absurdum geführt.

Aus über 200 Grafiken, Originalgemälden und Skulpturen, die einen Schwerpunkt in der Sammlung Würth bilden, haben Sonja Klee und Cornelie Holzach eine höchst spannende Auswahl getroffen. „Die wunderbare Schmucksammlung und die exquisiten Grafiken und Bücher treffen sich hier hervorragend“, sagt die Würth-Kuratorin Klee. Ein Brückenschlag, den das Museum – so Holzach – künftig häufiger wagen will. Denn: „Auch der Schmuck gewinnt durch die Zwiesprache.“

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Bildergalerie

Skulptur von Max Ernst schwebt übers Pforzheimer Reuchlinhaus

Zur Person: Max Ernst

Geboren am 2. April 1891 in Brühl, gehört Max Ernst zu den wichtigsten deutschen Malern, Grafikern und Bildhauern. 1919 gründet er zusammen mit Johannes Baargeld und Hans Arp die Kölner Dada-Gruppe. 1922 zieht er nach Paris, wo er sich dem Kreis der Surrealisten um André Breton anschließt.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wird er ab 1939 mehrmals in Frankreich interniert, kann aber zusammen mit der Kunstmäzenin Peggy Guggenheim, seiner dritten Ehefrau, fliehen. Ab 1941 geht er mit ihr ins Exil in die USA. Ende 1942 lernt er die junge amerikanische Malerin Dorothea Tanning, die seine vierte Ehefrau wird, kennen 1953 kehrt er mit ihr nach Frankreich zurück.

Auf der 27. Biennale von Venedig 1954 wird Ernst mit dem großen Preis für Malerei geehrt. Er stirbt einen Tag vor seinem 85. Geburtstag, am 1. April 1976 in Paris.  

Die Ausstellungsdaten

Die Ausstellung im Schmuckmuseum im Pforzheimer Reuchlinhaus ist von Samstag, 18. Juli bis 17. Januar 2021 zu sehen. Es gibt aus Sicherheitsgründen keine Vernissage, allerdings am Freitag ab 19 Uhr unter www.schmuckmuseum.de einen Live-Stream mit einer Kurzführung und interessanten Einblicken in die Hintergründe der Sammlung und die Konzeption der Ausstellung.

Sandra Pfäfflin

Sandra Pfäfflin

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