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In der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe wird ein Selbstportrait von Annie Lennox aus dem Jahr 2003 präsentiert, das sie in Verbindung mit ihrem Album „Bare“ (Entblößt) zeigt.   Deck/SKK
In der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe wird ein Selbstportrait von Annie Lennox aus dem Jahr 2003 präsentiert, das sie in Verbindung mit ihrem Album „Bare“ (Entblößt) zeigt. Deck/SKK
Zorniger junger Mann: Anselm Feuerbach.
Zorniger junger Mann: Anselm Feuerbach.
Rembrandts Selbstbildnis von 1645/48.
Rembrandts Selbstbildnis von 1645/48.
„Selbstporträt mit Spiegeleiern“ von Sarah Lucas.
„Selbstporträt mit Spiegeleiern“ von Sarah Lucas.
22.01.2016

Die Seele nach außen gekehrt: Baumbusch spricht im PZ-Forum über das Selbstporträt

Was ist ein Selbstporträt? Nur ein Blick des Künstlers in den Spiegel? Weit gefehlt, dessen sind sich die zahlreichen Zuhörer des Vortrags von Claudia Baumbusch im PZ-Forum bewusst, die einen spannenden Blick auf das Selbstporträt durch die Zeiten und Darstellungsformen warf. Anlass zu dem Vortrag ist die in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zu sehende Schau „Ich bin hier! Von Rembrand zum Selfie“.

Aber seit wann gibt es überhaupt diese Form der Selbstdarstellung? Die Kunsthistorikerin hat eine eindeutige Antwort und zahlreiche Beispiele parat: „Seit der Renaissance, als sich die Kunst mit dem Menschenbild auseinandergesetzt hat.“ Und das beginnt mit dem ersten eigenständigen Selbstbildnis der Kunstgeschichte, dem kleinen Bronzemedaillon von Leon Battista Alberti von 1435. Auf dem stellt sich der Künstler im Stile eines römischen Imperators dar, zeigt auf, dass er sich selbst als zu einer Elite zugehörig fühlt – machtvoll und selbstbewusst. Überhaupt ist es das Sich-Selbst-Bewusstwerden, die Absicht, sich selbst in einen gesellschaftlichen und historischen Zusammenhang zu stellen, das prägende Element des Selbstporträts über Jahrhunderte hinweg.

Bekanntestes Beispiel: Albrecht Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ von 1500. Hier stilisiert sich der Künstler aus Christusfigur, als Schöpfer, als Märtyrer. Als jemand, der nicht nur als unbekannter Handwerker vor seinen Betrachter tritt, sondern als Mensch, der etwas zu sagen hat, der mit seiner Kunst etwas bewirken will.

Schonungslose Kritik

Im Barock schließlich liefert gerade Rembrandt Selbstbildnisse, in denen er sich fast schonungslos dem Betrachter ausliefert, sich selbst und seine Eigenschaften im Bildnis ausdrückt. Dass dieses durchaus auch mit der Kritik am eigenen Sein verbunden ist, das zeigen Künstler wie Edvard Munch oder Ernst Ludwig Kirchner auf. Munch macht aus seinen existenziellen Problemen mit Alkohol und Drogen keinen Hehl, zeigt sich offen als verzweifelter Mensch, der im Café zur Flasche greift. Auch Kirchner verarbeitet seine Angstzustände in Bildern, malt sich in klaustrophobischer Umgebung in seiner Davoser Berghütte, malt sich den Schrecken, den der Erste Weltkrieg in ihm hinterlassen hat, von der Seele. Oder die Kreidezeichnungen von Ludwig Meidner: „Da brennt jemand lichterloh“, sagt Baumbusch mit Blick auf die mit fiebrigem Strich dahingeworfene Selbstdarstellung mit hohlwangigem Gesicht und knotigen Händen.

Im 20. Jahrhundert mündet diese Selbstbefragung der Künstler häufig in ein Rollenspiel, in eine Selbstinszenierung, die wiederum vieles verrät. Sei es Andy Warhol mit platinblonder Perücke und dicker Schminke. Sei es der Fotograf Robert Mapplethorpe, der sich zwischen Pelz tragendem Transvestiten und jungem Halbstarken in Lederjacke positioniert. Sexuelle Stereotypen und gängige Moralvorstellungen hinterfragt die Engländerin Sarah Lucas in ihrem „Selbstporträt mit Spiegeleiern“, die demonstrativ auf ihrer Brust prangen.

Und schließlich ist es Ai Weiwei, der sich in seinen Selfies als Leidender, Verfolgter und Opfer der chinesischen Justiz nach seiner Gehirnoperation in München einer interessierten, weltweit empörten Öffentlichkeit präsentiert.