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Die verheirateten Kabarettisten Jennifer und Michael Ehnert nehmen auf der Bühne kein Blatt vor den Mund. Foto: Roller
Die verheirateten Kabarettisten Jennifer und Michael Ehnert nehmen auf der Bühne kein Blatt vor den Mund. Foto: Roller
06.03.2017

Die Tücken einer Ehe: Kabarett der besonderen Art im Osterfeld

Pforzheim. Da fliegen vielleicht die Fetzen. Sie beschimpft ihn als „haltungslos“ und als „Knallcharge“. Er kontert nicht weniger frech mit „EC-Karten-Schnorrerin“ und wirft ihr „Teilzeit-Vegetarismus“ vor. Was ein handfester Ehestreit sein will, das darf und das muss manchmal auch ein bisschen lauter werden. Im Kulturhaus Osterfeld kämpfen Michael und Jennifer Ehnert sprichwörtlich mit harten Bandagen und nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, den Ehepartner vor den Kopf zu stoßen. Da kann man wirklich froh sein, dass alles nur gespielt ist und sich die beiden tatsächlich verheirateten Kabarettisten privat hoffentlich besser leiden können.

Auf der Bühne aber wird jede noch so winzige Kleinigkeit breitgetreten: Etwa der Umstand, dass sie im Schlaf rülpst, eine Pudelmütze trägt, eine Beißschiene im Mund hat und eine Nasenklammer im Gesicht. Aber er kommt auch nicht besser weg mit seinen „Nasennebenhöhlenproblemen“ und den Deutsche-Bahn-Ansagen während des Sexes. Überhaupt läuft es im Schlafzimmer alles andere als rund. Für ihn Grund genug, zu Olga zu gehen, einer „Prostituierten mit Ansaugstutzen“. Und sie lässt sich von ihrem Frauenarzt den antiken Mythos der Abgeschlossenheit der menschlichen Urnatur erzählen. Er besucht eine Produzentin, die im Fernsehen eine Scheidungs-Show macht und ihn obendrein gern als einen ihrer zahllosen Liebhaber hätte. Sie rennt indessen zum Scheidungsanwalt, um sich lang und breit von ihm belehren zu lassen, die Ehe sei ein „von Männerhand erfundenes Unterdrückungsinstrumentarium“. Das blanke Chaos. Aber wie konnte es eigentlich so weit kommen?

Ein falscher Satz und los geht’s

Schließlich beginnt alles ganz idyllisch. In trauter Zweisamkeit sitzen die beiden Ehnerts auf der Osterfeld-Bühne und erzählen stolz, sie seien bereits seit neun Jahren verheiratet. „Wahnsinn, was mit Drogen alles möglich ist“, meint er. Wie im echten Leben: Ein falscher Satz und es geht los. Aber ein Gutes hat das Gezanke: Wenn die beiden sich über alles Mögliche streiten, dann freut sich ein Dritter, nämlich das Publikum. Mit Pointen gespickte Dialoge, haarsträubende Vergleiche und absurde Szenen sorgen dafür, dass die Zuschauer aus dem Lachen nicht mehr herauskommen.

Jennifer Ehnert geht voll auf in der Rolle der freiheitsliebenden Powerfrau mit einem Faible für Amerika. Michael dagegen mimt den überzeugten Veganer, der Facebook-Spam tatsächlich für soziale Kontakte hält und eine fast schon gruselige Vorliebe für Zahlen hat. Kein Wunder, dass sie ihm vorwirft, er meine, immer alles zu wissen. Aber mitnichten. Denn wie sagt ein bulgarisches Sprichwort? „Der Teufel weiß alles, aber er kennt nicht den Ort, an dem die Frauen ihre Messer schleifen.“

Harter Tobak, den das Publikum im Osterfeld fast zwei Stunden ertragen muss. Aus den anfänglichen Streitereien entwickelt sich schnell eine grundsätzliche Mann-Frau-Debatte über das „mediale Patriarchat“, über den bürokratischen Aufwand einer Scheidung und über Zukunftsängste. Da hilft tatsächlich nur noch eine Scheidungs-Show. Aber keine Angst, getrennt haben sie sich doch nicht. Stattdessen wünschen sie ihrem begeistert applaudierenden Publikum ein „wunderschönes Beziehungs-Restleben“.