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Sie machen mit beim Projekt und freuen sich über die Auszeichnung der Unesco: Frieda Dörfer, Herbert Mutschelknauß, Ruth Reisert-Hafner, Fabian Jäger, Dieter Stantscheff, Walter Gräßle, Werner Wochele, Elmar Schuster, Marc Limper, Andreas Gut undAlmut Benkert (von links).  Fotos: Ketterl
23.12.2015

Die Unesco hat ein Pforzheimer Projekt zum Welterbe erklärt

Pforzheim. Es gibt Wissen, das sich nicht mit Worten oder Zeichnungen konservieren lässt. Das verloren geht, wenn es bloß irgendwo geschrieben steht. So ein Wissen muss vorgeführt werden, muss praktisch vom Meister auf den Schüler übergehen. Und wenn es nicht gelehrt wird, ist es bald vergessen. Viele spezielle Techniken der Schmuckverarbeitung gehören in diese Kategorie. Damit die Feinheiten einer solchen Spezialindustrie auch in der Gegenwart nicht verloren gehen, hat sich vor einigen Jahren ein Netzwerk zusammengefunden.

Unter dem Namen „Manufakturelle Schmuckgestaltung“ – einer Kooperation der Hochschule Pforzheim mit dem Deutschen Technikmuseum in Berlin und der Arbeitsgruppe „Schmuck verbindet“ – werden die alten Techniken für die Zukunft weitergegeben. Erfahrene Fachleute, die ihr Handwerk noch in den goldenen Zeiten der Pforzheimer Schmuckindus-trie gelernt haben, geben ihr Wissen an Studenten weiter. Denn viele ihrer Ausbildungsberufe wie Kettenmacher oder Präger gibt es nicht mehr.

Bildergalerie: Bei der "Manufakturellen Schmuckgestaltung" geht es um alte Technik

Schützenswerte Tradition

Dass es sich bei dieser Idee um ein Erfolgskonzept handelt, zeigt die Aufnahme des Projekts in das immaterielle Kulturerbe der Unesco. Als Beispiel guter Praxis steht das Projekt seit diesem Monat im deutschen Register des immateriellen Welterbes, das schützenswerte Traditionen und Bräuche festhält. Die Fertigungsmethoden sind aber nicht nur aus konservatorischen Gesichtspunkten interessant. Sie wirken auch in die Zukunft der Schmuckgestaltung. Wenn die jungen Studenten von den alten Meistern gelernt haben, bleiben sie nicht stehen beim Gelernten – sondern denken es weiter. Mit dem 3-D-Drucker erschaffen sie Formen, die dann im traditionellen Pressverfahren verwendet werden. Oder übertragen die Technik des Guillochierens vom filigranen Metall auf Marmor.

Beim Guillochieren werden wellenartige Ornamente – Linie für Linie – mit einer Maschine in den Werkstoff geschnitten. Um sie zu bedienen, braucht es den Menschen, der die Maschine verstehen muss und dessen Handgriffe eingespielt sein müssen. Dann aber lässt die schmückende Technik Platz für kreativen Freiraum. Der Linienabstand, ihre Kombination oder Bewegungsrichtung sind frei wählbar – und warten darauf, auch in der modernen Schmuckgestaltung eingesetzt zu werden. Damit die jungen Studenten die Routine erlangen können, die einen souveränen Umgang mit den alten Techniken sicherstellt, können sie in der Werkstatt des EMMA-Kreativzen-trums auf die Erfahrung der alten Meister bauen – oder sich in Berlin zu wahren Profis ausbilden lassen. Denn für Absolventen der Pforzheimer Hochschule hat die Firma C. Hafner ein Stipendium gestiftet, das den bis zu sechsmonatigen Aufenthalt an den Maschinen sicherstellt, die das Deutsche Technikmuseum in Berlin verwahrt.

Unterstützung aus Berlin

Das Projekt bindet nicht nur Jung und Alt zusammen, auch die Verbindung von Berlin und Pforzheim wird gestärkt. Denn die Bewerbung um die Aufnahme in das immaterielle Unesco-Welterbe hat das Berliner Museum übernommen.

Nur wenn sich viele Kräfte verbinden, scheint das Überleben der bedrohten Kulturtechniken gesichert. Es ist ein Wissen, das man nicht aus Büchern lernt – sondern dadurch, dass man Hand anlegt.