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Orhan Pamuk
Orhan Pamuk
05.02.2016

Die Vision einer modernen Türkei: Orhan Pamuks neuer Roman „Diese Fremdheit in mir“

München. Es ist ein fataler Irrtum: Bei der Hochzeit seines Cousins verliebt sich Mevlut in die kleine Schwester der Braut. Jahrelang schreibt er ihr heiße Liebesbriefe, um sie nach Ableistung seines Militärdienstes schließlich zu entführen – und zu entdecken, dass sie die Falsche ist. Das Mädchen Rayiha, das er in der Dunkelheit aus einem anatolischen Dorf nach Istanbul bringt, ist eine andere Schwester. „Diese Fremdheit in mir“ heißt der neue Roman des türkischen Literatur-Nobelpreisträgers Orhan Pamuk (63) und ist die Geschichte des gutmütigen Mevlut, der mit offenen Augen und offenem Herzen durchs Leben geht. In einer sich ständig wandelnden Welt.

Mevlut tut, was Ehre und Anstand verlangen: Er heiratet Rayiha, bekommt mit ihr zwei Töchter und ist glücklich – wenn da nicht diese Fremdheit in ihm wäre. Und die hat nichts mit dem Irrtum zu tun, der eigentlich ein schlechter Scherz seines zweiten Cousins war. Sie ist vielmehr ein Gefühl, das sich aus Mevluts Unverständnis für die gigantischen Veränderungen des Umfelds ergibt.

Über 40 Jahre beleuchtet Pamuk Mevluts Werdegang in der Metropole. Obwohl der vorzeitig von der Schule abgegangene Junge nicht dumm ist, fällt es ihm schwer, sich gesellschaftlich zu positionieren. Er kann sich weder mit dem Konservatismus seiner Heimat Anatolien anfreunden noch mit den linken Ideen seines besten Freundes. Er bleibt neutral – wie das von ihm allabendlich verkaufte Getränk: Boza hat so wenig Prozente, dass es selbst von streng gläubigen Muslimen nicht als Verstoß gegen deren generelles Alkoholverbot angesehen wird.

Orhan Pamuk, der sich schon einmal wegen „Beleidigung des Türkentums“ vor Gericht verantworten musste, hat mit dem vorliegenden Buch keinen politischen Roman geschrieben. Aber natürlich ist Mevluts Geschichte nicht unpolitisch. Sie beinhaltet die Vision einer modernen Türkei, in der Frauen nicht mehr unterdrückt werden und ihnen alle Bildungswege offenstehen.

„Diese Fremdheit in mir“ ist ein heiteres Buch der großen Gefühle, das einfach gut tut und beste Reklame für eine Stadt und ein Volk ist, das der vielfach preisgekrönte Autor („Schnee“, „Cevdet und seine Söhne“) mit all seinen Stärken und Schwächen sieht. Und von dem er hofft, dass es nie mehr seine Toleranz zugunsten einer islamisch-konservativen Bevormundung aufgibt.