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07.03.2016

Die Wirkungskraft des reinen Gesangs: Hugo Distlers „Choralpassion“ in der Schloßkirche

Pforzheim. Nach knapp einer Stunde ist alles erzählt – ohne instrumentale Begleitung, ohne zierendes Beiwerk. Hugo Distler (1908–1942) hat sich bei seiner „Choralpassion op.7“ für fünfstimmigen gemischten Chor auf das Wesentliche konzentriert. Und genau so hat der Motettenchor Pforzheim unter Leitung von Jochen Woll das 1932 vollendete A-cappella-Werk auch verstanden und dargestellt.

Aufgestellt im Halbkreis hinterm Altar der nur mäßig gefüllten Schloßkirche Pforzheim, gelingt dem Chor eine Aufführung, die von sakraler Ruhe und Klarheit geprägt ist. Durch den reinen Gesang und das überwiegend langsame Tempo wird der Blick umso mehr auf den Text aus allen vier Evangelien gelenkt.

Distler schrieb sein umfangreichstes Werk bereits als 24-Jähriger. Dieses besteht aus sieben Teilen und wird umrahmt von acht Variationen über den Choral „Jesu, deine Passion“, dessen Text Sigismund von Birken (1626–1681) geschrieben hat.

In Pforzheim erweist sich der Tenor Frank Bossert als wunderbar schlichter Erzähler mit schlanker Stimme. Immer wieder lässt er bewusst längere Pausen, die zur Verständlichkeit und Nachwirkung beitragen. Mit Bariton Kord Michaelis als verletzlicher Jesus bildet er ein einfühlsames Solistenduo, das links und rechts vor dem Chor positioniert ist. Alle anderen Solisten – Gregor Schwarz-Jantzen als Judas, Sebastian Furier als Hohepriester, Ulrich Hauser als Pilatus und Andreas Schwarz als Schächer – agieren aus der Mitte des Chors heraus. Die Einsätze erfolgen unter dem forschen Dirigat von Jochen Woll meist auf den Punkt. Der in Pforzheim aufgewachsene Leiter, der seine erste musikalische Ausbildung an der Singschule von Rolf Schweizer absolvierte, hat in der derzeitigen Vakanz zwei Projekte übernommen.

Den Motettenchor hat er mit viel Fingerspitzengefühl einstudiert. Sachte leitet dieser das Werk mit der ersten Strophe des Chorals „Jesu, deine Passion will ich jetzt bedenken“ ein. Eindrucksvoll gestaltet sind die abschließenden Choräle, so zum Beispiel im dritten Teil (Abendmahl): Männer- und Frauenstimmen wechseln einander ab, bis sie sich ab der Hälfte harmonisch überlappen. Doch auch polyfone Passagen wie „Ja nicht auf das Fest“ im zweiten Teil oder die prägnanten, teils schnell in die Höhe getriebenen Turba-Chöre im fünften Teil bleiben stets durchsichtig. Eine Aufführung, die wahrlich mehr Publikum verdient hätte.