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Zur Wiedereröffnung der modernisierten Sammlungsräume der Alten Pinakothek ist die weltberühmte „Briefleserin in Blau“ aus dem Amsterdamer Rijksmuseum in München zu Gast. Foto: apm/PZ-Archiv
Zur Wiedereröffnung der modernisierten Sammlungsräume der Alten Pinakothek ist die weltberühmte „Briefleserin in Blau“ aus dem Amsterdamer Rijksmuseum in München zu Gast. Foto: apm/PZ-Archiv
Aus den Jahren 1658 bis 1660 stammt die „Dienstmagd mit Milchkrug“.
Aus den Jahren 1658 bis 1660 stammt die „Dienstmagd mit Milchkrug“.
Das wohl berühmteste Gemälde: „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“.
Das wohl berühmteste Gemälde: „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“.
13.07.2018

Die große Zeit des Bürgertums: Vortrag über Jan Vermeer im PZ-Forum

Pforzheim. Als der niederländische Maler Jan Vermeer 1675 im Alter von nur 43 Jahren starb, war er vollkommen verschuldet. Seine Gemälde erzielten zwar schon zu Lebzeiten horrende Preise, aber seine zeitaufwendige Malweise erlaubte keine umfangreiche Produktion, die Konkurrenz war groß, und er hatte eine elfköpfige Familie zu versorgen.

Seine Witwe musste zur Begleichung der Schulden auf ihr Erbrecht verzichten. Die noch vorhandenen Bilder wurden versteigert, und Jan Vermeer geriet völlig in Vergessenheit – bis ihn die Impressionisten wegen seiner revolutionären Lichtbehandlung wiederentdeckten. Leben, Werk und kunstgeschichtliche Stellung des Malers stellte Claudia Baumbusch beim Vortrag im – trotz des WM-Halbfinales – voll besetzten PZ-Forum vor.

„Goldenes Zeitalter“

Anders als Deutschland, das im 17. Jahrhundert unter dem Dreißigjährigen Krieg, seinen Auswirkungen und Folgen, Pestepedemien, Entvölkerung und marodierender Soldateska zu leiden hatte, erlebten die sieben calvinistischen niederländischen Nordprovinzen, die sich 1581 zusammengeschlossen hatten, eine Zeit wirtschaftlicher und künstlerischer Blüte, die unter dem Begriff „Goldenes Zeitalter“ in die Geschichte eingegangen ist. Katholische Kirche und Adel hatten ihre Vorrangstellung verloren, es war die große Zeit des Bürgertums. Kunst stand hoch im Kurs, um 1650 arbeiteten in den Niederlanden rund 700 Maler, die jedes Jahr etwa 70.000 Bilder hervorbrachten.

Das Bürgertum wollte sich in seinem Wohlstand und Wohlergehen dargestellt wissen. Das führte zur Entwicklung der Genremalerei, die den Alltag des Volkes zeigt: bei Pieter Brueghel dem Jüngeren noch eher den der Bauern und einfachen Leute, bei Jan Vermeer ausschließlich den der Bürger. Das geschieht nie zum Selbstzweck, sondern immer auch mit moralisierendem Hintergrund. Die zahlreichen Briefleserinnen im Werk von Jan Vermeer können anhand der Requisiten im Raum (Gemälde mit Cupido, Obstschale mit Äpfeln und Pfirsichen, Weinglas, geöffnete Fenster) als Frauen entlarvt werden, die etwas Verbotenes tun: ehebrecherische Gedanken hegen, Freier oder Verehrer empfangen, den Haushalt vernachlässigen. Mit ihren detailreichen Interpretationen gab Claudia Baumbusch hier gleichzeitig einen interessanten Einblick in die Ikonographie.

Kostbares Ultramarin

Eines der bekanntesten Gemälde, die „Briefleserin in Blau“ aus dem Jahr 1653 ist derzeit in der Alten Pinakothek in München zu sehen, wo auch die nächste Kunstfahrt am 14. August hinführen wird. Das wunderbare Blau, das Vermeer hier und auch sonst häufig verwendet hat, kann mit Fug und Recht als kostbar bezeichnet werden: Es handelt sich dabei um Ultramarin, das damals nur aus gemahlenem Lapislazuli hergestellt werden konnte und extrem teuer war. In unzähligen Lasurschichten schaffte der Künstler eine Textur, die den Stoff fast greifbar macht. Winzige glitzernde Lichtpunkte auf den Stoffen, Teppichen und in den Haaren lassen das Licht tanzen, eine Technik, die erst wieder von den Impressionisten und hier speziell den Pointillisten im 19. Jahrhundert entdeckt wurde.

Im Œuvre Vermeers, das nur aus 34 bis 37 gesichert zugeschriebenen Gemälden besteht, finden sich zusätzlich auch Stadtansichten und Historienbilder, von denen die Referentin ebenfalls einige vorstellte. Ein Vortrag, der Lust auf mehr niederländische Malerei des Barock machte.