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Gegen Ende des Auftritts zeigt sich Willy Astor als Musiker. 

Die hohe Kunst der Wortakrobatik: Willy Astor spielt im Osterfeld vor ausverkauftem Haus

Pforzheim. Zum Saisonauftakt ein voller Saal: Das Gastspiel des Münchner Musik-Kabarettisten Willy Astor (60) bescherte dem Kulturhaus Osterfeld nicht weniger als 343 begeisterte Zuschauer.

Astor kam am Freitag nicht das erste Mal in die Goldstadt; sein hiesiges Publikum hat er sich über Jahre zielstrebig aufgebaut. Der einfallsreiche Wortakrobat und vielseitige Komponist hatte dabei nie nur die Spielstätten innerhalb Bayerns im Blick – was ihn ebenso wohltuend von manch anderem Bühnen-Bajuwaren unterscheidet wie seine dezent gezügelte, auch jenseits des Weißwurst-Äquators verständliche Mundart.

Im ausverkauften Kulturhaus zündet Willy Astor sofort einige vertraute Kaskaden seiner zwerchfellreizenden Wortkombinationen, die kurzerhand jede Getrennt- und Zusammenschreibung außer Kraft setzen, humorig kombinieren und augenzwinkernd verfremden. Kostprobe? „Riesige Menschenmengen jagen mit Feuerzangen – Bohlen“.

Astors Kunst besteht darin, das unerschütterlich Unzweideutige eiligst ins Zweideutige umzuleiten. Mehrfach arbeitet er sich dabei an Helene Fischer ab: „Ich fahr rückwärts Schlangenlinien auf der A3: Lappenlos!“. Oder, etwas derber: „Komm’ rein, Helene. Mir gefällt deine Birne. Ich zeig Dir mein Silbereisen“. Und zu den Gitarrenklängen von „Purple Rain“ „parkt“ bei Willy Astor „Bärbel in die kleinste Lücke rein“.

Doch auch die hohe Kunst der Wortakrobatik zelebriert Astor im Osterfeld: etwa seine Geschichte von Abraham und Betraham oder jene, in der ausnahmslos alle Wörter mit einem „A“ beginnen, beispielsweise „allerhöchste Aisenbahn“. Irgendwann mixt er dem Pforzheimer Publikum aus „Afrika“ und „See“ einen eingängigen Reggae, dessen Refrain immer deutlicher zu „Hühnerfrikassee“ und „Bohnenkaffee“ mutiert. Anschließend ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Zuschauer vergnügt in den Chor zu den längst legendären „Kaulquappensocken“ zur Melodie von „Guantanamera“ einstimmen. „Für mich ist das der Ritterschlag schlechthin“, freut sich Astor über den unterstützenden Gesang – und beglückwünscht die Gäste zu ihrer Kontaktaufnahme mit der unbändigen Freude aus ihrer, im krisengeschüttelten Alltag weitgehend verdrängten, kindlichen Erlebniswelt. „Albernheit verhindert den Ernst der Lage“, ruft er dem längst jubelnden Publikum zu.

Nach dem Erfolg all dieser Zwerchfellattacken ändert Astor sein Repertoire abrupt. Die kabarettistischen Wortkombinationen verschwinden, jetzt präsentiert er sich für den Rest den Abends, einschließlich üppiger Zugabe, als Musiker und Komponist. An der Gitarre zelebriert er die lautmalerische Eigenkomposition „Nautilus“ und ein genre-übergreifendes Medley mit den Eckpunkten „Here Comes The Sun“ und dem sonst den Zithern vorbehaltenen „Harry Lime Thema“. Ein Höhepunkt ist der neue, die aktuelle Lage reflektierende, gleichzeitig nachdenkliche wie auch zeitlos schöne Song „Einfach einfach sein“. Klasse Titel, klasse Auftritt!