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Als die Nofretete-Statue in den 1920er-Jahren in Berlin gezeigt wird, löst sie Begeisterung unter den Berlinern aus.  Jensen
Als die Nofretete-Statue in den 1920er-Jahren in Berlin gezeigt wird, löst sie Begeisterung unter den Berlinern aus. Jensen
11.08.2015

Die mysteriöse Schöne hat sich eingelebt

Es waren Sicherheitsvorkehrungen wie für eine Bande Schwerverbrecher: Genau zehn Jahre ist es her, dass die weltberühmte Büste der Nofretete nach mehr als 60 Jahren im Exil scharf bewacht auf die Berliner Museumsinsel zurückkehrte. „Dieser Tag ist für uns das Ende der Nachkriegszeit“, jubelte der damalige Direktor des Ägyptischen Museums, Dietrich Wildung.

Seither lockt die rätselhafte Pharaonengattin Jahr für Jahr mehr als eine Million Bewunderer an. „Die Büste der Nofretete ist in den über hundert Jahren, die sie mittlerweile in Berlin ist, zu einer Ikone der Berliner Museen geworden, die Berliner und Besucher aus aller Welt fasziniert“, sagt Hermann Parzinger, Präsident der verantwortlichen Stiftung Preußischer Kulturbesitz und seit 2011 Preisträger des Pforzheimer Reuchlin-Preises.

„Die Schöne ist gekommen“, heißt Nofrete übersetzt. Mit ihrem ebenmäßigen Gesicht und dem geheimnisvoll entrückten Lächeln gilt sie als die wohl schönste Frauenskulptur der Welt. Eine Versicherung schätzte sie schon vor Jahren auf einen Wert von 300 Millionen Euro. Die mehr als 3000 Jahre alte farbige Büste wurde 1912 weitgehend unversehrt bei Ausgrabungen im ägyptischen Amarna von dem deutschen Archäologen Ludwig Borchardt in der Werkstatt des Hofkünstlers Thutmosis entdeckt. „Arbeit ganz hervorragend. Beschreiben nützt nichts, ansehen“, notierte der Altertumsforscher am 6. Dezember in sein Grabungstagebuch.

Insgesamt wurden in Amarna, dem einstigen Herrschersitz von König Echnaton und seiner Gemahlin, mehr als 10 000 Fundstücke geborgen. Bei der damals üblichen Fundteilung erhielt die deutsche Seite als Finanzier der Grabungen mit anderen Schätzen auch die Nofretete. So kam die Schöne, mit Brief und Siegel vertraglich abgesichert, nach Berlin.

Doch außer einigen Auserwählten sieht das gemeine Volk sie erst nach der Schenkung durch Mäzen James Simon 1924 bei einer Ausstellung – und ist elektrisiert. Die Menschen stehen Schlange, die Frauen schminken sich wie sie und wollen selbst auch so zart, kühl und fast knabenhaft sein.

Durch die Wirren des Kriegs

1939 hat der Kult ein jähes Ende, eine wahre Odyssee beginnt. Wegen des Krieges wird das Neue Museum geschlossen, Nofretete kommt unter der Obhut der Reichsbank in den Berliner Zoo-Bunker, später in einen Tresor und kurz vor Kriegsende mit anderen wichtigen Kulturgütern in das Thüringer Salzbergwerk Kaiseroda.

Die siegreichen Amerikaner bringen sie 1945 in ihren „Central Collecting Point“ in Frankfurt. Erst 1956 kehrt sie über eine Zwischenstation in Wiesbaden nach Berlin zurück. Dort ist sie ab 1967 im Ägyptischen Museum in der Nähe von Schloss Charlottenburg zu sehen, ehe sie an jenem 12. August 2005 auf die inzwischen zum Unesco-Welterbe erhobene Museumsinsel zurückkehrt. Der ägyptische Botschafter Mohamed Al-Orabi nennt sie bei der Feier „die schönste und beliebteste ständige Vertreterin Ägyptens in Deutschland“.

Doch auch der Standort im Alten Museum ist vorläufig. Erst 2009 findet Nefertiti, wie sie bei den Engländern heißt, nach der Renovierung des Neuen Museums durch den britischen Stararchitekten David Chipperfield ihren endgültigen Platz. Seither residiert sie hinter schusssicherem Glas im Kuppelsaal des preisgekrönten Hauses, trotz ihrer nur 47 Zentimeter erhaben und ehrfurchtgebietend – und so schön.