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Im Gespräch: Jörg Pauly als Thomas Münzer, Thomas Henniger als Martin Luther und Gregor Eckert als Karlstadt (von links). Loredana La Rocca
Im Gespräch: Jörg Pauly als Thomas Münzer, Thomas Henniger als Martin Luther und Gregor Eckert als Karlstadt (von links). Loredana La Rocca
21.11.2017

Dieter Fortes Schauspiel „Martin Luther und Thomas Münzer“ im Mühlacker Uhlandbau

Mühlacker. Bei seiner Uraufführung 1970 in Basel war Dieter Fortes Schauspiel „Martin Luther und Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung“ ein Sensationserfolg, der Skandale und Proteste auslöste.

Evangelische Kirchenhistoriker warfen Forte „Falsch-Münzerei“ vor, Bischöfe wetterten gegen die Unverfrorenheit, mit der das Denkmal Martin Luther vom Sockel gestoßen wurde.

Forte, der in einem Vorspruch zu seinem Theaterstück betonte, Originaltexte und „stimmende Fakten und Zahlen“ verwendet zu haben, stellt Luther unter dem Einfluss der Studentenbewegung und neomarxistischer Theorien, wie sie schon Ernst Bloch in seinem Buch „Thomas Münzer als Theologe der Revolution“ vertreten hatte, als willfährigen Fürstenknecht dar. Seine radikalen Wittenberger Theologie-Professorenkollegen Karlstadt und vor allem Münzer sind die eigentlichen Vertreter und Helden der Bauern und Bürger. Die Kaiser Maximilian und sein Enkel Karl V. sind hochverschuldete, geldgierige und vorwiegend lächerliche Figuren, Papst und Kardinäle, die sich am Ablasshandel bereichern, verhurt und korrupt. Die eigentliche politische Macht aber liegt in den Händen des Geldverleihers und Großkaufmanns Jakob Fugger, also beim Kapital. Von den Machthabern spielt einzig der sächselnde Kurfürst Friedrich der Weise eine erträglich sympathische Rolle.

Kapital als Götze

Natürlich stehen evangelischen Christen und Lutheranern die Haare zu Berge, wenn sie das auch in der Mühlacker Aufführung im Uhlandbau eindrucksvoll gezeigte Schlussbild über sich ergehen las-sen müssen: Während im Bühnenhintergrund nach dem vom Fürstenheer blutig niedergeschlagenen Bauernaufstand Münzer geköpft wird, kniet Fugger im Betstuhl, preist das Kapital wie einen Götzen und lässt sich von seinem Buchhalter die horrende Summe seiner Gewinne vorrechnen. Bei-seite stehend schiebt Luther alle Schuld von sich: „Ich habe geheißen, sie totzuschlagen. Unser Herrgott, der hat befohlen, solches zu reden.“

Manfred Langers in der Senderstadt gezeigte Inszenierung des Alten Schauspielhauses Stuttgart bietet eine bunt kostümierte, teilweise sich überblendende historische Bilder- und Szenenfolge, die den Zeitraum von Luthers Wittenberger Thesen-Anschlag wider den Ablasshandel (1517) bis zur Bauernschlacht von Frankenhausen (1525) umspannt. Die bei Forte eine wichtige Rolle spielenden Vermittler wie Melanchthon oder Erasmus wurden vom Regisseur gestrichen, die stattdessen eingeführte zeitgenössische Reporterin (Sophie Schmidt) wirkt künstlich und aufgesetzt. Als Protagonisten beeindrucken Thomas Henniger (Luther), Marcus Born (Friedrich der Weise), Armin Jung (Papstberater Kardinal Cajetan) und Carsten Klemm (Fugger). Ziemlich klamaukig agieren Serjoscha Ritz als jugendlicher Karl V. und Martin Böhnlein als Ablasshändler Kardinal Albrecht von Brandenburg. Jörg Pauly als Münzer bleibt darstellerisch blass.

Der spektakulär theatralische Kontrapunkt zum Luther-Jubeljahr hätte in Mühlacker ein größeres Publikum verdient gehabt.