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Mit Foto aus Kindheitstagen im PZ-Gespräch: Der Mundartinterpret, Chansonnier, Texter, Kabarettist, Karikaturist und Bildende Künstler blickt zurück. 

Dieter Huthmacher ganz der Alte: Pforzheimer Urgestein seit 50 Jahren auf der Bühne

Es begann mit einer Moritat. Und es geschah in der Schweiz. Dieter Huthmacher erinnert sich gut an seinen ersten Auftritt, an diesen Abend 1970 in Fribourg. Ein Freund hatte dem damals 22-Jährigen in der sehr lebendigen Theaterszene einen Auftritt als Moritatensänger verschafft. „Ich hatte schon so viel Material zusammen, dass es für einen ganzen Abend reichte. Verrückt!“, sagt Huthmacher im PZ-Gespräch und legt die Kritik zu seiner „Welturaufführung“ auf den Tisch. „Es steckt mehr dahinter als nur Unterhaltung. Er ist oft tiefgründig und regt zum Nachdenken an“,schreibt damals die örtliche Presse.

Dass über den Daumen gepeilt mehr als 2000 Konzerte folgen würden, und dass er heute, 50 Jahre später, immer noch auf der Bühne steht – das konnte wirklich keiner ahnen. Noch nicht mal er selbst. Denn ursprünglich wollte er als Grafiker, seinem erlernten Beruf, und Bildender Künstler arbeiten. „Doch dann kam das verfluchte Liederschreiben dazu“, sagt Huthmacher – und schmunzelt mit dieser so hintersinnigen Wärme, die seine Fans mögen.

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Viele Bücher hat Dieter Huthmacher inzwischen veröffentlicht. Sein aktuelles war in der Vorweihnachtszeit ein echter Verkaufsschlager in der Pforzheimer Thalia-Filiale. Ketterl/Archiv

Als einziger Künstler aus der damaligen BRD habe er Anfang der 1970er-Jahre Seminare an der Weimarer Musikhochschule besucht. Dort prägte ihn die Schauspielerin, Chanson-Sängerin und Brecht-Interpretin Gisela May. „Vor allem in dem Punkt, Dinge mit Glaubwürdigkeit umzusetzen, einen ganzen Abend lang authentisch zu bleiben.“ Von ihrer fachlichen Kompetenz profitiere er immer noch.

In seiner Heimat war er zunächst als Grafiker bekannt, hatte Ausstellungen im Kunstverein und bei Buslat. Als Karikaturist für eine Satire-Zeitschrift arbeitend, wuchs in ihm der Wunsch, dies mit eigenem Liedgut zu verbinden. Die Auftritte in den 1970er-Jahren, weiter vor allem in der Schweiz, waren multimedial. Huthmacher stellte Plakate von Karikaturen und Bildern auf – und vertonte diese sozusagen.

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Bild aus früheren Tagen mit dunkler Haarpracht: Dieter Huthmacher im Folkclub „Prisma“.Foto: Privat

Politik und Poesie verknüpft

Die Liedermacher-Szene blühte in den 1970ern, auch Huthmachers Programm war politisch „Heute versuche ich, Politik und Poesie zu verbinden, musikalisch wie zeichnerisch“, sagt er. Einst blumig ausschweifend, fasziniert von dem, was man alles sagen kann, schreibe er heute kürzer, klarer. „Langsam kommt die Gelassenheit.“ Seine Themen sind oft literarisch. Ansonsten findet er sie im Alltag: „Ich laufe eben aufmerksam durch die Gegend.“ Dieses Empfinden für Situationen sei jedoch erst im Laufe der Jahre gewachsen. Wichtig sei ihm der menschliche Bezug. „Dass die Leute wissen, mir ist es ernst.“

In Weimar hatte Huthmacher auch die Sängerin Karin Oehler kennen und lieben gelernt. Erst 1978 durfte sie auswandern. Noch vor der gemeinsamen Reise zu seinem Grafik-Stipendium nach Rom heirateten die beiden. Dass sie ein Duett bildeten, sei Zufall gewesen. Als er für ein Folk-Festival eine Grieg-Ballade einstudierte, wollte er sie auf die Bühne holen. „Mit ihrer ausgebildeten Stimme war sie das Ereignis.“Zuhause ergaben sich Chor-Projekte mit dem damaligen Kirchenmusikdirektor Rolf Schweizer. Überregional lief es richtig gut: Auftritte in Sendungen wie „Drehscheibe“ und in der „Michael Schanze Show“ machten „die Huthmachers“ überregional bekannt. Im Radio mit Hans Rosenthal, im Fernsehen mit Peter Horton – es gab viele Höhepunkte.

Nach der Trennung des Paars im Jahr 2000 musste sich Huthmacher neu erfinden, startete mit Mundart-Dichtungen und spielte häufig solo beim Schwäbischen Albverein. Dass er dann „den Matthias“ traf, sei ein absoluter Glücksfall gewesen. In der PZ habe er einen Artikel über Matthias Hautsch gelesen und ihn angeschrieben, weil er im Jahr 2003 für ein Hesse-Programm einen Gitarristen suchte. Inzwischen haben die beiden etliche CDs veröffentlicht und bestreiten einen Teil der Huthmacher-Konzerte gemeinsam. „Wir bauen uns auf der Bühne gegenseitig auf“, sagt der Liedermacher. Von Hautsch habe er gelernt, mehr auf Empfindungen zu hören.

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In den 1980er- und 1990er-Jahren trat er gemeinsam mit seiner damaligen Frau Karin Oehler auf. Foto: Ketterl/Archiv

Langer Weg bis zur Akzeptanz in der Heimat

Heute spielt der 72-Jährige in seiner Heimat häufig vor ausverkauften Häusern. Das sei nicht immer so gewesen. Der berühmte Prophet also, der im eigenen Land nichts gilt? Huthmacher will beobachtet haben, dass seine Akzeptanz in Pforzheim, wo er abgesehen von einer längeren Episode in Bad Teinach stets gelebt hat, erst in den vergangenen zehn Jahren gestiegen sei. Er erklärt sich das so: Zum einen habe das Dichten in Mundart einen Schub gebracht. Ebenso die „Stricheleien“, in denen er seit 2012 die Pforzheimer Society aufs Korn nimmt. Und eben die häufigen Auftritte in der Region. Aber so richtig erklären kann er es sich nicht. „In Pforzheim brauchen die Dinge eben Zeit, bis sie akzeptiert und gutgeheißen werden.“ Aber wenn, dann gleich richtig: Kommende Woche verleiht ihm Oberbürgermeister Peter Boch die Portus-Medaille für seine Verdienste um die Stadt und sein andauerndes kulturelles Engagement.

Auch wenn der große Durchbruch ausblieb und Künstler wie Wader, Degenhardt und Mey den Liedermacher-Olymp erklommen – Huthmacher fühlt sich erfüllt. „Ich konnte immer so arbeiten, wie ich es gelernt habe.“ Und was nun? Etwa ein Ende der Bühnenkarriere? Nein, im Gegenteil. Neue Veröffentlichungen sind geplant. Und seine Agentur wolle, dass er häufiger auftrete. Er habe noch Kraft und Antrieb, und auch das Lampenfieber spüre er weiter vor jeder Show. Sein Entspannungsritual: „Ich laufe hinter der Bühne immer hin und her, bevor es raus geht.“ Aber mehr als die zuletzt etwa 60 Konzerte im Jahr sollten es nicht sein. Sonst würde die Lebendigkeit leiden. Einen Wunsch hat Huthmacher dennoch: sein Liedermacher-Wissen an Musikhochschulen dem Nachwuchs weitergeben. Genug Erfahrung hat er ja.