nach oben
Abgereist: Dirigent Andris Nelsons hat hingeschmissen. Woitas
Abgereist: Dirigent Andris Nelsons hat hingeschmissen. Woitas
01.07.2016

Dirigent Andris Nelsons verlässt Bayreuth kurz vor Premiere

Bayreuth. Andris Nelsons ist weggefahren. Und nicht mehr zurückgekommen. „Er ist verschwunden, und wir konnten ihn nicht zur Rückkehr bewegen“, sagt Peter Emmerich. Der Sprecher der Bayreuther Festspiele hat sich am Donnerstag – wie die gesamte Festspielleitung – verpflichtet, keine Kommentare abzugeben.

Keine Kommentare zu den Gründen dafür, dass der „Parsifal“-Dirigent seinen Vertrag beenden wollte – nur dreieinhalb Wochen vor der Premiere. Nun muss ein Neuer her – und der muss dann zurechtkommen mit den diesmal auch sonst recht unfeierlichen Bedingungen auf dem Grünen Hügel.

Denn in diesem Sommer gilt rund um das Festspielhaus in Bayreuth ein verschärftes Sicherheitskonzept. Gitter und Wachpersonal, Zäune und Kontrollen. Und genau daran könnte es auch gelegen haben, dass Andris Nelsons um die Auflösung seines Vertrags gebeten hat, heißt es aus dem Festspielhaus. Die Atmosphäre habe sich in diesem Jahr nicht in einer für alle Beteiligten angenehmen Weise entwickelt. Schuld seien unterschiedliche Auffassungen in verschiedenen Angelegenheiten. Diese vagen Worte ließ das Management des Dirigenten verlauten. Die Festspielleitung stimmte der Bitte um ein Ende des Vertrags, „mit Bedauern“ zu.

„Wir, und gerade auch Katharina Wagner, haben uns in den letzten zwei, drei Tagen sehr darum bemüht, ihn zurückzuholen“, sagte Emmerich. Doch ohne Erfolg. 2010 debütierte der Lette auf dem Grünen Hügel im „Lohengrin“. Vergangenes Jahr war er zu beschäftigt, um nach Bayreuth zu kommen, aber in dieser Saison sollte er wieder brillieren, im „Parsifal“ diesmal, zur Eröffnung der Festspiele. Die Proben liefen natürlich schon. Dann kommt der Morgen, an dem es akut wird: Am Donnerstag wird klar, dass Nelsons nicht zurückkommen wird. Woran es genau liegt, darüber wird viel gemunkelt. Streit soll es gegeben haben, mit Christian Thielemann, dem Bayreuther Musikdirektor. Ein Riesen-Ego, so beschreiben viele Thielemann, traf auf eine empfindsame Seele: Nelsons.

„Er hat die Festspiele verehrt, fast schon religiös“, sagt Festspiele-Sprecher Emmerich über Nelsons. Es wäre nicht verwunderlich, wenn dem Dirigenten in diesem Jahr einfach alles zu viel geworden wäre. „Es gibt Künstler, die gehen damit pragmatisch um, andere sind empfindlicher, die sind dadurch in ihrer Seele getroffen“, sagt Emmerich. Erst kürzlich prallte eine Künstler-Persönlichkeit auf Sicherheitspersonal: Wachleute kontrollierten Star-Tenor Klaus Florian Vogt, der im „Parsifal“ singen wird, in der Kantine. Er trug Kostüm – eine Soldatenuniform. „Jetzt muss natürlich ganz schnell eine Entscheidung fallen“, sagt Toni Schmid, Ministerialdirigent und Chef des Verwaltungsrats der Festspiele. Einen passenden Kandidaten hat er aber nicht.