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Authentische und bilderreiche Sprache: Dörte Hansen. Foto: Meyer
Authentische und bilderreiche Sprache: Dörte Hansen. Foto: Meyer
08.02.2019

Dörte Hansen liest in Dillweißensteiner Heilig-Geist-Kirche aus „Mittagsstunde“

Pforzheim. Das Dorf ist ein kleiner, bedrohter Kosmos für sich. Das Leben im Dorf und die Veränderungen, denen es unterworfen ist, hat sich Dörte Hansen, Linguistin, Journalistin und Autorin aus Nordfriesland als Thema gewählt.

Mit ihrem ersten Roman „Altes Land“ eroberte sie 2015 die „Spiegel“-Bestsellerliste. Ihre Bekanntheit und Beliebtheit ist seither stetig gestiegen, in ganz Deutschland füllt sie mit ihren Lesungen die Säle. So war auch die helle, freundliche, mit bequemen Sesseln ausgestattete Heilig-Geist-Kirche in Dillweißenstein bei der von der Buchhandlung Mumm organisierten Lesung des aktuellen Romans „Mittagsstunde“ bis auf den letzten Platz besetzt.

Im fiktiven nordfriesischen Brinkebüll leben Menschen, die wie in einem gruppendynamischen Prozess zusammengerüttelt wirken. Da gibt es die erfolgreichen Bauern, die das Land der Verlierer aufkaufen. Der Lehrer, der seinen Schülern eine solide Volksschulbildung vermittelt, verharrt mit einer fast reaktionären Gesinnung auf einmal für gut befundenem Lernstoff und überkommenen Erziehungsmethoden. Der Pfarrer hat längst erkannt, dass „seine Schafe gegen jeden Glauben imprägniert sind“. Die Sonderlinge, wie die seltsam entrückte Marret und der kahle Scherenschleifer „im Rock mit Feinstrumpfhosen“, werden toleriert. Und dann gibt es da noch die neu Hinzugezogenen aus den Großstädten, die Verfall mit ländlicher Idylle gleichsetzen und nicht erkennen, dass das, was sie suchen, längst verschwunden ist. Synonym dafür ist die Mittagsstunde, so der Titel des Buches, Zeit des Ausruhens, die den Dorfbewohnern früher heilig war.

Liebevoll bis ins Detail

Dreh- und Angelpunkt ist die Dorfkneipe, von der aus Dörte Hansen die Handlungsfäden spinnt. In den 1960er-Jahren läutet die Flurbereinigung eine Zeitenwende und damit auch den Untergang des traditionellen Dorflebens ein. Marret, die Tochter der Wirtsleute Sönke und Ella, bekommt von einem Ingenieur einen Sohn. Ingwer, die Hauptperson des Romans, „schlägt ein geerbtes Leben aus“, wird Archäologe und kehrt nach 25 Jahren in sein Heimatdorf zurück, um seinen Großeltern zu helfen. Er wird zum Chronisten der Veränderung.

Es sind die kleinen Alltagsdramen, die Dörte Hansen in Szene setzt: sorgfältig und liebevoll bis ins kleinste Detail, mit einer überwältigend authentischen und bilderreichen Sprache. Wenn „Marret Ünnergang“ mit ihren weißen Holzlatschen durchs Dorf klappert und den Weltuntergang orakelt, hört man förmlich knöcherne Runensteine rappeln. Dem Archäologen Ingwer kommt sein heimatliches Altmoränenland, eine urtümliche eiszeitliche Landschaft, roh und abgewetzt vor, wie ein „abgeliebter“ Teddy, dem ein Auge und das Fell am Bauch fehlen. Plattdeutsche Textpassagen verorten die Handlung und bringen Aussagen auch für Sprecher anderer Dialekte auf den Punkt. Jedem Kapitel ist ein zeitlich entsprechender Songtitel als Überschrift zugeordnet, den man auch als Interpretationsvorschlag verstehen kann.

Dörte Hansen wollte keinen autobiografischen Roman schreiben, aber in jeder Figur steckt, wie sie sagt, etwas von ihr selbst. Dass sie ihr Buch als Liebeserklärung an ihr Dorf bezeichnet, hängt sicher zu einem Großteil mit der Sorgfalt und Intensität zusammen, mit der sie sich den Personen widmet. Verklärende Idylle ist jedenfalls ihr Ding nicht. Genau das weckt die Lust, nach den Ausschnitten der Lesung das ganze Buch zu lesen und in das Dorfleben in Brinkebüll einzutauchen.