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Der dänische Hof samt Schauspielern hat sich um Hamlet (Robert Besta, Mitte) versammelt. Alexander Mays Inszenierung des Shakespeare-Dramas hatte im Theater Pforzheim Premiere.  Haymann
Der dänische Hof samt Schauspielern hat sich um Hamlet (Robert Besta, Mitte) versammelt. Alexander Mays Inszenierung des Shakespeare-Dramas hatte im Theater Pforzheim Premiere. Haymann
22.02.2016

Doppeltes „Hamlet“-Projekt in Pforzheim zum Shakespeare-Jubiläum

Natürlich „Hamlet“. Zum 400. Todestag von William Shakespeare spielen unsere Theater mit Vorliebe die Tragödie vom unglücklichen Dänenprinzen, die zu den bedeutendsten Stücken des „Schwans vom Avon“ zählt. Am Theater Pforzheim hat man sich über diese Pflichtübung hinaus ein schönes Doppelprojekt ausgedacht, das den „Hamlet“ mit einer geistreichen Paraphrase über zwei Nebenfiguren des Dramas verknüpft: Tom Stoppards hintersinnige Komödie „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ (1966).

Was haben die Theater nicht alles in Hamlet gesehen! Den schwärmerischen Idealisten, den zergrübelten Intellektuellen, den Prototyp des modernen Jugendlichen, den ewigen Rebellen, im 19. Jahrhundert sogar eine Verkörperung Deutschlands, das in der heroischen Auflehnung gegen alles Unrecht ruhmvoll scheitert. Nichts davon in der Pforzheimer Inszenierung von Alexander May. Sie stellt einen verstörten, verletzlichen Jüngling in den Mittelpunkt, der, weil sein Vater von dessen Bruder Claudius gemeuchelt wurde und seine Mutter Gertrud sogleich den Mörder ihres Gatten geheiratet hat, in grimmige Rachlust verfällt – bis hin zu dem berüchtigten „elisabethanischen Leichenberg“, mit dem das Stück blutig endet. Freilich ist „Hamlet“ mehr als eine krude Rachetragödie, wie sie zu Shakespeares Zeiten durchaus beliebt war. Sie zeigt in zutiefst menschlicher Sicht die seelischen Kämpfe des zerrissenen Titelhelden, der über Tod und Sein räsoniert und doch von den Umständen getrieben ist. In Pforzheim spielt Robert Besta einen Prinzen, der von des Gedankens Blässe nur wenig angekränkelt ist und aus seiner vorgegebenen Verrücktheit allmählich in unreflektierte Raserei und schließlich resignierte Melancholie verfällt, die er noch durch eigenhändiges Geigenspiel akzentuiert. Zwar tötet er den Höfling Polonius (mit abgefeimter Autorität: Hartmut Volle) im Affekt, aber zum vorbedachten Sühnemord fehlt ihm die Tatkraft. Auch die Doppelung der Figur durch ein weibliches „Spiegelbild“ (Theresa Martini), das auch die gestrichene Rolle des Freundes Horatio mit übernimmt, bringt für die Ausgestaltung der Rolle keinen Gewinn.

Ausgerechnet die Szene, in der Shakespeare Hamlets Skrupel besonders schlagend begründet, ist in Pforzheim zu schierer Oberflächlichkeit verkürzt: Da stößt er auf den schurkischen Claudius, mag ihn jedoch nicht töten, weil dieser in einem Anfall von Reue gerade zu Gott betet, um seine Seele zu reinigen. Im Zustand der Sündlosigkeit aber mag Hamlet den Mörder nicht umbringen – und lässt ihn unbestraft. Diese Schlüsselszene zum Verständnis der Figur findet in der Aufführung so nicht statt – zum Schaden der Rolle und ihres Darstellers, dem sich hier ein Weg aus der Eindimensionalität geboten hätte. Tatsächlich liegt ein Grundproblem der Inszenierung in ihrer Strichfassung. Die kurze Spieldauer von nur zweieinhalb Stunden wird erkauft durch empfindliche Kürzungen. Die weitgehende Tilgung von Ophelias rührendem Abschied und Abdriften in den Wahnsinn nimmt ihr die lyrisch-zarte Prägung, die Jula Zangger in ihrer betont robusten Darstellung denn auch vermeidet. Der König Claudius (Tobias Bode), dessen innere Konflikte kaum verständlich werden, verblasst ebenso zur flüchtigen Skizze wie der allzu fahrige Laertes (Julian Culemann) und die überdrehte Schnapsdrossel, als die Joanne Gläsel die zwiespältige Gertrud allzu vordergründig porträtiert. Besonderes Augenmerk verdienen Hamlets falsche Freunde Rosenkranz und Güldenstern, die von Sergej Gößner und Henning Kallweit mit alerter Unauffälligkeit gespielt werden.

In dem ortlosen Bühnenraum, dessen Bodenbretter symbolkräftig „aus den Fugen“ geraten, bietet dieser „Hamlet“ – nicht zuletzt wegen der fulminanten, bildkräftigen Übersetzung von Frank Günther – einen unterhaltsamen Abend, auch wenn er nicht immer das Niveau der Vorlage ganz erreicht. Und was um Himmels willen sollen die grässlichen graugelockten Bademützen, die die stets anwesenden Schauspieler „im Dienst“ aufstülpen müssen und die die sonst so gelungenen Kostüme (von Lorenza Diaz Stephens) unglücklich komplettieren?

Das auffallend jugendliche Publikum der Première ließ sich von Tempo und dramatischem Sog der Aufführung mitreißen und applaudierte ausgiebig.