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Einblicke in Rilkes Leben bietet Katharina Giesbertz bei ihrer Lesung. Foto: Roller
Einblicke in Rilkes Leben bietet Katharina Giesbertz bei ihrer Lesung. Foto: Roller
14.11.2016

„Du allein weißt, wer ich bin“: Katharina Giesbertz liest Rilke

Pforzheim. Das tiefe Verständnis für die menschliche Seele, für ihre Beschaffenheit und die Macht der Gefühle ist etwas, das nur sehr wenigen Dichtern eigen ist. Rainer Maria Rilke war einer von ihnen. Im Jahr 1875 in Prag geboren, gilt er heute als einer der bedeutendsten Autoren der literarischen Moderne. In der Pforzheimer Stadtbibliothek lässt die Schauspielerin Katharina Giesbertz den Dichter lebendig werden. Sie liest Stellen aus seinen Briefen vor, die viel über seine Gefühle, seine Ansichten und seinen Charakter verraten und tiefe Einblicke in sein Verständnis von Kunst und Literatur geben.

Korrespondenz pflegt der Dichter vor allem mit Lou Andreas-Salomé, die er als Student 1897 in München trifft, mit der er rund drei Jahre eine Liebesbeziehung unterhält und die ihm auch danach in enger Freundschaft verbunden bleibt. Sie ist es auch, der er im Jahr 1903 mitteilt, es komme ihm vor, als sei die Stadt gegen ihn. Wie eine Prüfung, die er nicht bestehe. Zu dieser Zeit beschäftigt er sich in Paris intensiv mit dem Bildhauer Auguste Rodin. Rilke fühlt sich in der Großstadt nicht wohl, leidet unter Influenza-Anfällen und gesteht Salomé: „Du allein weißt, wer ich bin.“ Nur sie könne ihm sagen, was er tun soll und erklären, was ihm unverständlich ist. Und sie ist es auch, der er 1912 mitteilen wird, dass es in der Ehe mit Clara Westhoff kriselt.

Einfühlsamer Vortrag

Es ist beeindruckend, wie es Giesbertz gelingt, die Briefe so einfühlsam und authentisch vorzutragen, dass ein Nachempfinden der geschilderten Umstände möglich wird. Sie liest nicht einfach nur Worte vom Papier ab, sondern sie setzt sie gekonnt in Szene, haucht ihnen Leben ein und ermöglicht es ihren Zuhörern, einen emotionalen Zugang zum Dichter und zum Privatmenschen Rilke zu erlangen. Ein Mensch, der viel zu sagen hatte. In seinen lyrischen Texten, insbesondere in den beiden Bänden seiner „Neuen Gedichte“, gelingt ihm eine Art der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Innenleben, die die Gefühlswelt an realen Dingen spiegelt.

Es sind, wenn auch nicht in einem realistischen Verständnis, Dinggedichte, denn hier werden reale Gegenstände in die Sphäre der Sprache überführt. Da gibt es den im Käfig gefangenen Panther, der zwar nie als solcher erwähnt wird, aber dessen Blick „vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden“ ist, dass „er nichts mehr hält“. Als Poetik seiner „Neuen Gedichte“ können implizit Rilkes Briefe an seine Ehefrau gelesen werden, die Giesbertz ebenfalls vorträgt und so geschickt die Verbindung schafft.

In ihnen schildert Rilke seine Auseinandersetzung mit der Kunst Paul Cézannes, die für ihn viel Inspirierendes an sich hat. Bevor Rilke im Jahr 1926 an Leukämie stirbt, sieht er in einem Brief an Ehefrau Clara schwarz. Giesbertz erzählt, dass er auf dem Friedhof in Raron beigesetzt wurde. Dann ist sie am Ende der Lesung und erhält viel Beifall. Sie hat es geschafft, die wichtigsten Stationen aus Rilkes Leben in nur einer Stunde nachzuzeichnen. Und tiefe Einblicke in das Seelenleben dieses Ausnahmedichters gegeben.