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Sebastian Studnitzky, Axel Kühn und Bodek Janke (von links) verstehen sich blind. Foto: Molnar
Sebastian Studnitzky, Axel Kühn und Bodek Janke (von links) verstehen sich blind. Foto: Molnar
22.05.2017

Echo-Preisträger Sebastian Studnitzky mit Heimspiel im Schloss Neuenbürg

Was tut man, wenn der Pianist ausfällt? Man übernimmt den Part ganz einfach selbst. Für Sebastian Studnitzky jedenfalls ist das ein Leichtes. Viel mehr noch: Er kann beides, mit der rechten Hand Trompete spielen, mit der linken Klavier – gefühlvoll und mit geschlossenen Augen. Um das Trio aus ehemaligen Stipendiaten der Kunststiftung Baden-Württemberg trotzdem zu komplettieren, improvisiert neben dem Tübinger Bassisten Axel Kühn noch der polnische Schlagzeuger Bodek Janke mit. Schließlich hatten die drei gefragten Jazzmusiker, die sich untereinander zwar kennen, aber noch nie in dieser Konstellation zusammengespielt haben, nur eine dreiviertel Stunde Zeit, um sich für die bestens besuchte „Jazz Night“ im Schloss Neuenbürg anlässlich des 40. Bestehens der Kunststiftung abzustimmen.

Doch das Wagnis gelingt: 170 Konzertgäste sind restlos begeistert, werden schon beim Einstiegstitel „Lacuna“ von einer überwältigenden Dynamik und Klangfülle mitgerissen. Die Mischung des Abends bewegt sich zwischen fließend-weichem Jazz, hartem House und luftig-leichten Latin-Rhythmen. Faszinierend dabei die unmerklichen Stimmungswechsel, Steigerungen und die Lust am Experimentieren. Keiner nimmt sich zurück und geht doch ganz auf den anderen ein.

So entwickelt sich stets aufs Neue und meist ohne Noten ein spannendes Zusammenspiel, das scheinbar bloß per Blickkontakt funktioniert. Exot unter den Dreien ist Drummer Bodek Janke, der mit spitzen Schnabelschuhen aus Kasachstan und einem Riesenarsenal an Perkussionsinstrumenten aus aller Welt beeindruckt.

So erzeugt er Klänge mit Nüssen aus Westafrika, mit tibetischen Glöckchen oder Ziegenhufen aus Peru. Einfach genial auch das Spiel an den indischen Tablas oder die krachenden Soli des Weltenbummlers, der unzählige Aufnahmen und Projekte unter anderem mit den Big Bands diverser Rundfunksender gemacht hat. Ein klasse Musiker ist auch der mit vielen Preisen bedachte Bassist Axel Kühn, der vielleicht etwas öfter solistisch in den Vordergrund treten könnte, sich insgesamt aber mit viel Feingefühl und treibenden Akzenten einklinkt.

Im Flüsterton

Und Studnitzky, der in Neuenbürg sein Heimspiel hat? Der Echo-Jazz-Preisträger bleibt sich ganz treu, lässt die Trompete in dem ihm ureigenen Flüsterton erklingen – immer ein bisschen verwaschen, stellenweise glasklar und tiefemotional. Viele Eigenkompositionen kommen zu Gehör, des Kühns „Dark Light“ zum Beispiel oder Studnitzkys „Watergate“ und „Organic“ vom neuen Album. Mit dem brasilianischen Stück „Chega de Saudade“ steht auch ein bekannter Bossa nova auf dem Programm, bei dem das Trio herrlich leicht musiziert. Ein Abend, der von Spontaneität lebt.