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Intellektuellengespräch im besten Sinne, wie es auch nachts auf 3sat laufen könnte: Der Kunst- und Designtheoretiker Robert Eikmeyer (rechts) mit dem Künstler Tobias Rehberger vor vollen Zuschauerrängen in der Aula der Fakultät für Gestaltung. Im Hintergrund ist eine von Rehbergers Installationen zu sehen. Foto: Meyer
Intellektuellengespräch im besten Sinne, wie es auch nachts auf 3sat laufen könnte: Der Kunst- und Designtheoretiker Robert Eikmeyer (rechts) mit dem Künstler Tobias Rehberger vor vollen Zuschauerrängen in der Aula der Fakultät für Gestaltung. Im Hintergrund ist eine von Rehbergers Installationen zu sehen. Foto: Meyer
Tobias Rehberger. Foto: Meyer
Tobias Rehberger. Foto: Meyer
30.11.2017

Ein Abend mit Künstler und Bildhauer Tobias Rehberger

Pforzheim. Erst mal nen Schnaps – sicher nicht der schlechteste Einstieg in ein Künstlergespräch. Erst recht, wenn die Veranstaltung „Schnaps ist Schnaps“ heißt, weil der eingeladene Künstler Tobias Rehberger andere Titel wie „Design als Kunst“ abgelehnt hatte. Sie könnten Missverständnisse provozieren. Und sein Vater habe immer gesagt: „Gschäft ist Gschäft, Schnaps ist Schnaps.“

Wie ist die Atmosphäre?

Entspannt. Rehberger – Hornbrille, grauer Vollbart, blauer Schal überm weißen 80er-Jahre-Pulli – plaudert locker und frei mit dem Kunst- und Designtheoretiker Robert Eikmeyer über Werte, über das Verhältnis von Design und Kunst. Und räumt mit einem Missverständnis über sein grenzgängerisches, häufig raumgreifend installatorisches Werk auf. „Ich habe mich nie profund für Design interessiert, sondern für Strategien, die in der Kunst nicht vorkommen.“ Ein Beispiel: „Warum war es nie eine Idee der Kunst, dass man gut drauf sitzen kann?“ So habe er sich einst auf Richard Serras Stahlskulptur vor der Berliner Nationalgalerie gesetzt. „Es war angenehm kühl.“ Rehberger, dessen Arbeiten mit Perspektivwechseln spielen, damit, wie man etwas anschaut, redet über Kontemplation. Mit dem Hintern zur Kunst? Warum nicht. „Ich sehe das als ernsthafte Möglichkeit. Ich weiß nicht, warum die Kunst Dinge verbietet, die auf anderen Feldern erlaubt sind.“

Was betrachtet der 51-Jährige eigentlich als gute Kunst?

„Wenn der Bettvorleger zum Tiger wird.“ Es seien „Sachen, die das festgefahrene Bild des Status quo, was Kunst ist und was nicht, durcheinanderbringen. Die mich erschüttern in dem, was ich vermeintlich gewusst habe. Die vielleicht mein Leben und meine Einstellung verändern“. Seine Studenten versuche er, zu motivieren, bekannte Sichtweisen und Denkmuster zu überwinden. Keinen Spaß mache ihm: ins Museum gehen, anstarren, heimgehen – und es dann schade finden, „dass das nicht mehr mit einem gemacht hat“. Kunst könne auch an einem Ort passieren, wo man in der Mittagspause sein Brötchen isst. Man könne sie körperlich erfahren, statt nur betrachten und reflektieren.

Und wie entstehen Rehbergers Arbeiten?

Er suche ständig Gedanken, Formen und Details. Sie müssten auf eine Art und Weise so zusammenwachsen, dass es einen Mehrwert ergibt – was oft Jahre dauere. Vieles entstehe daraus, dass er ein Problem mit etwas hat. Er frage sich dann: Warum muss das so sein? Er suche weniger nach Lösungen, seine Arbeiten seien „Manifestationen von Problemen“.

Was hält er von politischer Kunst wie Wolfgang Tillmanns Kampagne gegen den Brexit?

Rehberger bezweifelt, ob man sich mit Kunst am erfolgreichsten für oder gegen eine Sache aussprechen kann: „Ist es nicht sinnvoller, effektiver, andere Kanäle zu bedienen?“ Mit der Aktion würden eher jene erreicht, die ohnehin gegen den Brexit sind. Kunst könne aber „ein Labor für Erstgedanken“ sein.

Über Tobias Rehberger:

Eigentlich wollte Tobias Rehberger Tennissportler werden, Ein Unfall hinderte ihn daran. Für die Kunst hat er sich, geboren am 2. Juni 1966 in Esslingen, erst mit Anfang 20 entschieden.

„Vielleicht sogar aus einer gewissen Langeweile heraus. Mir war gar nicht klar, dass man das wollen und sein kann“, sagt er. Von 1987 bis 1992 studierte er bei Thomas Bayrle und Martin Kippenberger an der Städelschule in Frankfurt, wo er heute Professor ist. Er zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Künstlern – spätestens seit seiner preisgekrönten Neugestaltung des Cafés bei der 53. Biennale in Venedig. Sein Werk verbindet Malerei, Bildhauerei, Design, Grafik und Architektur. mich