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Rund 1200 Arbeiten des US-Künstlers Raymond Pettibon sind in Hamburg zu sehen. Kraus
24.03.2016

Ein Spätromantiker, der keiner sein darf - Umfangreiche Schau über Raymond Pettibon

Auf den ersten Blick wirken die Werke von Raymond Pettibon (geboren 1957) wie die eines Zeitreisenden aus dem frühen 19. Jahrhundert – wie ein Zeitgenosse so illustrer Künstlern wie Francisco de Goya oder William Blake. In seinen anfänglich puristisch schwarz-weißen, später leuchtend farbig kolorierten Papierarbeiten begegnet man einer seltsam wirkenden Kombination von Bild- und Textfragmenten, die nicht von ungefähr an die Visionen einer Hochzeit von Himmel und Hölle des englischen Romantikers Blake erinnert.

So liest man auf einer frühen Zeichnung Pettibons „Dark Juan’s dead. They promised him hebbin and gave him hell“ und entdeckt gleich links neben dem Text die Füße eines an einem Baum Erhängten, darunter ein brennendes Kreuz. Statt eines Buches der Bücher präsentiert der amerikanische Künstler allerdings Tausende loser Blätter, die nur mühevoll in eine Ordnung gebracht werden können. Dass dies gelingt, zeigt eine große Übersichtsschau der Hamburger Deichtorhallen mit Werken aus vier Dekaden, die in der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg zu sehen ist.

Der Titel „Homo Americanus“ hätte passender nicht gewählt werden können. Statt biblischer Gestalten und Dämonen trifft man auf Fragmente der amerikanischen Mythenwelt nach dem Scheitern des American Dream. Pettibon ist auch an dieser Stelle ein Zuspätgekommener, die Charaktere seiner zukunftspessimistischen Arbeiten bevölkern die Verliese der amerikanischen Alltagskultur und die Höhlen der TV-Apparate. Die Schau zeigt den Künstler auch als Mythologen, der die prägenden Narrative der amerikanischen Kultur von Woodstock bis zum Krieg gegen den Terrorismus aufgreift und unterläuft.

Mit großer Sorgfalt hat Kurator Ulrich Loock versucht, eine Ordnung in das Meer von geschätzt 20.000 Zeichnungen zu bringen. Seine Auswahl von gut 1200 Werken – Zeichnungen, Fanzines, Schallplattencover und Filme – ist nach 32 Themen gruppiert, die auch den gewichtigen Katalog strukturieren.

Tatsächlich taucht eine Vielzahl der Motive und stilistischen Merkmale bereits in der frühesten Arbeit der Ausstellung, dem Comic „Captive Chains“ von 1978 auf, was zu der Annahme verleiten könnte, dass Pettibons gesamtes Werk erzählerisch, beziehungsweise „cartoonish“ sei. Je länger man allerdings in der Ausstellung verweilt, desto deutlicher wird, dass Pettibons collagenhafte Arbeitsweise auf die Interaktion mit dem Betrachter zielt und weder die Verbindung von Bild- und Textfragmenten in den einzelnen Arbeiten noch eine dauerhafte Verknüpfung der Blätter funktioniert.

Was anfänglich wie der Versuch einer Poetisierung des amerikanischen Albtraums aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als heilloses Chaos. „Vavoom“, das rettende Zauberwort, das eine auf Felix the Cat zurückgehende Comicfigur aus vielen der Zeichnungen schreit, würde dem Künstler gut anstehen, aber im Interview bekennt Pettibon, dass er den kleinen schreienden Kerl zwar möge, aber sein Werk eben doch viel komplizierter sei und nicht hierauf reduziert werden könne. So bleiben Bild und Text unerlöst und eine romantische Seele, die aufgrund der zeitlichen Umstände keine mehr sein darf.