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Beim Abbau von drei wertvollen Bronzeskulpturen des Künstlers Thomas Schütte in Essen ist einer Skulptur versehentlich der Kopf abgetrennt worden. Die Skulpturengruppe „Ganz große Geister“ stand bislang vor der Philharmonie Essen. Kusch
Beim Abbau von drei wertvollen Bronzeskulpturen des Künstlers Thomas Schütte in Essen ist einer Skulptur versehentlich der Kopf abgetrennt worden. Die Skulpturengruppe „Ganz große Geister“ stand bislang vor der Philharmonie Essen. Kusch
19.02.2016

Ein „großer Geist“ ohne Kopf

Ruckartig löst sich der etwa 100 Kilo schwere Kopf von den Schultern der fast vier Meter hohen, wulstigen Bronze-Skulptur des Künstlers Thomas Schütte. Einen Augenblick später kracht er auf die Bodenplatten vor der Philharmonie der Ruhrgebietsstadt Essen. Der Hebegurt am schwankenden Arm des Krans schnellt flatternd zurück. Es folgt ungläubige Stille.

So hat sich Thomas Olbricht den Abbau des ihm gehörenden Skulpturentrios „Ganz große Geister“ gewiss nicht vorgestellt. Olbricht ist ein bekannter Essener Kunstsammler und Mäzen. Seit 2004 blicken die „Geister“ auf den angrenzenden Park hinab. Geschaffen hat sie zwischen 1998 und 2004 der documenta- und Biennale-Teilnehmer Thomas Schütte, einer der renommiertesten Bildhauer Deutschlands.

Furcht vor Beschädigungen

Olbricht hatte den Abbau aus Furcht vor Beschädigung selbst veranlasst. Ein solches Werk sei auf lange Sicht im öffentlichen Raum nicht zu schützen und zu versichern, heißt es bei der Stadt Essen. Der Wert von Schüttes Kunst war in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, bei einer Christie’s-Auktion erzielte seine Bronzeskulptur „Große Geister Nr. 6“ vor zwei Jahren 4,8 Millionen Euro.

Die erste tonnenschwere Figur verfrachtet die Fachfirma offenbar noch ohne Probleme in einen Lastwagen. Bei der zweiten reißt vermutlich die Schweißnaht, die Kopf und Körper der verfremdeten Menschengestalt zusammengehalten hat. Die Belastung war zu groß. Der abgerissene Kopf liegt später am Fuße der Figur – abgedeckt wie eine Leiche, geschützt vor neugierigen Blicken und Kameralinsen. Der Sicherheitsservice der Philharmonie sperrt eilig die Treppenaufgänge der Terrasse ab und bittet Schaulustige, die Plattform zu verlassen. Beim zweiten Versuch wird der Hebegurt unter den Armen der Figur befestigt. Schließlich löst sie sich – erneut mit einem ordentlichen Ruck. Vermutlich hatte Baukleber sie so fest gehalten.

Während Schüttes Galerie entsetzt auf die Nachricht vom Transportunfall reagiert, bleibt der Künstler selbst ruhig. Deutlich mehr als der Schaden am Kunstwerk beschäftigt ihn die Sicherheit der Bauarbeiter. Es sei kaum vorstellbar, was passiert wäre, wenn der Kopf einen Arbeiter getroffen hätte, sagt der 61-Jährige.

Durch den Unfall rückt das Bedauern über den Abbau der Skulpturen fast in den Hintergrund. Für Christoph Dittmann von der Philharmonie Essen gehörten die „Geister“ zur Philharmonie dazu. „Wir bedauern das alle sehr im Theater und in der Philharmonie“, sagt der Sprecher. Allerdings seien auch die Furcht vor Vandalismusschäden berechtigt. „Man muss sich nur mal umgucken. Ungefähr hundert Meter entfernt steht auch eine sehr hochwertige Skulptur, die regelmäßig von Graffiti in Mitleidenschaft gezogen wird.“