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Franziska Tiedtke als Annina.
Franziska Tiedtke als Annina.
12.12.2016

„Eine Nacht in Venedig“ in eigener Fassung am Theater Pforzheim

Alarm am Canale Grande! Der Herzog von Urbino, ein notorischer Schwerenöter, möchte den Karnevalstrubel in der Lagunenstadt zu neuen Liebesabenteuern nutzen und hat deshalb zu einem großen Maskenball geladen, was die Ehemänner der Stadt in einige Aufregung versetzt.

Eine Nacht in Venedig feiert Premiere im Theater Pforzheim

„Eine Nacht in Venedig“ von Johann Strauß macht aus der heiklen Situation einen bunten Narrentanz von Treulosigkeit und Täuschung, Frivolität und Schläue, der nun auch am Theater Pforzheim zu erleben ist.

Die Operette ist seit ihrer Uraufführung 1883 längst zu einem Klassiker geworden. Weil aber ihre Handlung reichlich verwickelt ist und eher durch musikalische Vielfalt als durch dramaturgische Übersichtlichkeit besticht, wurde das Werk immer wieder bearbeitet. So auch in Pforzheim, wo eine hauseigene, vor allem gegen Ende rabiat kürzende Libretto-Fassung für schlüssige Klarheit sorgen sollte. Sollte. Denn tatsächlich hat der Einfall des Regisseurs Tobias Materna, den zweieinhalbstündigen Abend durch einen „Erzähler“ moderieren und kommentieren zu lassen und zugleich Elemente der Commedia dell’arte einzufügen, das Stück nicht wirklich durchsichtiger gemacht.

Allerlei aktuelle Pointen

Auf der einen Seite gibt die Pforzheimer Version Gelegenheit zu allerlei lustigen, aktuellen Pointen, die etwa auch die Sparzwänge des Hauses kritisch aufs Korn nehmen und in denen der Schauspieler Thomas Peters mit ironischer Nonchalance eine zusätzliche Spielebene von augenzwinkerndem „Theater im Theater“ schafft. Andererseits aber gerät durch diese zwischengeschobenen Plaudereien der Fluss der Aufführung immer wieder ins Stocken, der Abend kommt nur mühsam in Gang, und der dritte Akt ist weitgehend zu einer raffenden Zusammenfassung plus Finale verknappt.

Operettenseligkeit mag bei dieser Konzeption nicht recht aufkommen. Immerhin aber steigen das Ensemble und der muntere Chor mit komödiantischem Spielwitz so ansteckend ein, dass der Abend durchaus seine vergnüglichen Momente hat. Die grandiose Musik von Johann Strauß tut außerdem ein Übriges, um Freunden der Gattung ein nachhaltiges Melodien- und Walzerglück zu bescheren. Ohrwürmer wie das berühmte „Gondellied“, der herrliche Lagunenwalzer oder auch der populäre Frauenhymnus „Ach, wie so herrlich zu schaun“ bilden denn auch das stabile Rückgrat der Aufführung.

Mag dem Zuschauer auch manches von dem, was da auf der Bühne gezeigt und (leider sehr undeutlich) gesungen wird, schwer verständlich erscheinen, so kann er sich allemal an den bekannten Liedern und Weisen festhalten, die Mino Marani am Pult der Badischen Philharmonie als klingende Belege für die Unsterblichkeit der Wiener Operette ausbreitet, obschon die Musik hier und da vielleicht doch etwas mehr Elan und Funkenschlag verdient hätte. Auch und gerade hier erweist sich überdies der Einfluss der Pforzheimer Spielfassung als nicht eben hilfreich.

Karger Papp-Realismus

Im demonstrativ „sparsamen“ Bühnenbild von Martina Stoian, das auf den Zauber eines kargen Papp-Realismus setzt, und in den vergleichsweise nachgerade verschwenderischen Kostümen von Dirk Steffen Göpfert arrangiert Maternas Inszenierung farbige, temporeiche Bilder von praller Situationskomik und reizvoller Schönheit, in denen er den fidelen Szenen zwischen unterschiedlichen Liebespaaren amüsanten Raum gibt. Das bekommt den Sängern und ihrer animierten Spiellaune gut. Der wendige Strippenzieher Caramello, der das Spiel um Irrungen und Wirrungen in Liebesdingen virtuos beherrscht und dem nebenbei der Hit des Abends („Komm in die Gondel“) gehört, wird bei Johannes Strauß, der mit schlankem Tenor für sich einzunehmen weiß, zur alerten Mittelpunktfigur eines liebenswürdigen Schlitzohrs.

Ihm zur Seite ist Franziska Tiedtke mit kokett flackerndem Sopran eine fesch durchtriebene Annina von hübscher Diva-Qualität. Nando Zickgraf gibt der drolligen Karikatur des Makkaronikochs Pappacoda vitale Buffo-Züge, während seine pfiffige Dauerbraut Ciboletta in der glänzend singenden Danielle Rohr eine ganz und gar überzeugende Verkörperung findet. Als liebestoller Herzog ist Kwonsoo Jeon nicht ganz glücklich besetzt. Er bewegt sich im ungewohnten Operettenfach mit drastisch gedrosselter Spielfreude, aber klangschönem Tenor und verfällt zur Abgrenzung bisweilen gar in seine koreanische Muttersprache. Cornelius Burger als genarrter Senator Delaqua und Larissa Angelini als dessen kapriziöse Gattin Barbara steuern der Aufführung gelungene Studien bei, und Gabriela Zamfirescu macht aus der obligaten Knallnummer der schrulligen Agricola einen fulminanten Clou. Freundlicher Beifall des Publikums im nicht vollbesetzten Haus.