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Während Konstanze Fischer „Sag’ mir wo die Blumen sind“ singt, begleitet Klaus Dusek sie auf dem Bass.  Ketterl
Während Konstanze Fischer „Sag’ mir wo die Blumen sind“ singt, begleitet Klaus Dusek sie auf dem Bass. Ketterl
24.02.2017

„Eine Welt ohne Krieg“ - Bewegende musikalische Lesung zum 23. Februar im Podium des Theaters

Wir verließen den Bunker. Mein Onkel nahm mich auf den Arm und trug mich in die Hohenheimer Straße. Ich sah nur brennende Häuser. Der tote Nachbar lag in den Trümmern seines Hauses. Aus den Fensterhöhlen züngelten die Flammen.“ Dieses Bild vom Fliegerangriff auf Stuttgart 1941 kann Walter Hilber nicht vergessen. Er hat es aufgeschrieben – in seiner Kurzgeschichte „Bomben über der Stadt“. Im Podium des Theaters kommt sie zu Gehör.

Markus Löchner liest sie mit ruhiger Stimme, lässt den letzten Satz nachwirken: „Bis heute haben wir Menschen nicht erkannt, dass Waffen sinnlos sind.“ Wie Hilbers Text handeln auch die Gedichte, Gedanken und Geschichten der anderen Autoren von Krieg, Hass und Zerstörung – aber auch von Liebe und Hoffnung. Sie sind im Rahmen des Schreibwettbewerbs „Stärker ohne Gewalt“ entstanden, den das Theater zum 23. Februar veranstaltet hat.

Inniges Spiel der Musiker

Knapp 30 Texte wurden eingesandt, eine Auswahl wird von den Schauspielern Konstanze Fischer, Markus Löchner und Henning Kallweit auf eindringliche Weise vorgetragen. Dazu das innige Spiel der Musiker Maria Gawrilenko (Violine), Doreen DaSilva (Violoncello), Hwan Hee Lee (Klarinette), Mino Marani (Klavier) und Klaus Dusek (Kontrabass) von der Badischen Philharmonie.

Mit zwei Sätzen aus Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du Temps“ (Quartett für das Ende der Zeit“) umrahmen sie die Lesung des Trios, mit einer Musik, die der Naturliebhaber Messiaen in deutscher Kriegsgefangenschaft komponiert hat.

Im ersten Satz imitieren Klarinette und Geige klangschön zwei Vogelstimmen, während das Cello ein gleichbleibend wehmütiges Pendant bildet. Berührend vor allem der zweite Satz, bei dem die Violine einen Klagegesang nachzeichnet – zu glockenartigen, dynamisch zunehmenden Klavierakkorden. Laut und betont liest Henning Kallweit das wortfetzenartige Gedicht „Sprachgewalt“ von Frank Wallenta. Mal schreit er, mal wirkt er nachdenklich – bei Nicholas Korns Wunschgedicht „Eine Welt ohne Krieg“ zum Beispiel.

Herrlich unbeschwert trägt der Schauspieler Michael Rauschs Ode an die Liebe vor, fordert das Publikum auf: „Hallo Leute: Verliebt Euch!“, denn „Verliebte haben keine Zeit für Krieg“. Zwischen den vielen bedrückenden Geschichten tut dieser Hoffnungsschimmer gut.

Das Ende stimmt versöhnlich

Auch die Abschlussbotschaft von Fischer – „Hab Mut, Verstand, Vertrauen, Liebe“ aus Hilde Rose Massars „Ich lese die Worte schwarz auf weiß“ wirken positiv. Nachdrücklich ist zudem die längere Geschichte „Goldstadt“ von Frank Borsch über die Trümmerberge, Butterbrote und den Schwarzmarkt ein Jahr nach dem Bombenangriff auf Pforzheim. „Goldstadt, was für ein Scheiß“, schimpft Löchner, der einem Jungen seine Stimme leiht und ihn still von Amerika träumen lässt. Am Ende berührt Konstanze Fischer mit dem Lied „Sag’ mir wo die Blumen sind“, begleitet von Dusek am Bass.