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Claudio Minardi (links) schwört auf Schallplatten – und lässt sich von Richard Voigt beraten. Foto: Seibel

Eine runde Sache: Boom am Plattenmarkt

So ein Ding wie die Schallplatte dürfte es eigentlich nicht mehr geben. Sie ist ja so viel klobiger als die CD, mühsamer abzuspielen – und hat dazu meist noch eine kürzere Laufzeit. Aber es gibt sie noch. Der Plattenmarkt boomt.

Wie kann das sein? Ist nicht der Fortschritt für sich schon immer besser als die Vergangenheit? Die Schallplatte zeigt: Nein. Was, wenn es da in der Vergangenheit etwas gibt, was es zu bewahren gilt? Denn schlechter war die Platte nie – nur anders.

Und dieses Anderssein wird heute wieder geschätzt. Der Sternenfelser Radiomoderator Thomas Brockmann hat sich erst gar nicht verabschiedet von der Platte – sondern ihr die Treue gehalten. Beruflich, ja, da habe die Umstellung auf CD schon mehr Bequemlichkeit bedeutet. Aber die ist eben nicht alles. „Bei der Schallplatte habe ich ein anderes Hörvergnügen. Die Platte hat einfach mehr Klasse“, sagt Brockmann „Ich kann mich halt für McDonalds entscheiden – oder für ein richtiges Restaurant.“

Wer hört, wie Brockmann über Platten spricht, der weiß, wie er sich entschieden hat. Zuhause, da stehen seine Räume voll mit ihnen. Wie viele es sind, das weiß er nicht. „Bei über 50 000 Songs habe ich aufgehört, zu zählen.“ Es ist eine andere Hörkultur, die hinter der Platte steht. Dort der schnelle Happen, hier das Menü aus Tönen. „Die Platte lädt eher dazu ein, ein Album komplett zu hören – und nicht nur schnell von Song zu Song zu wechseln.“ Es ist die Entdeckung der Langsamkeit – und die kommt an.

Das merkt auch der Pforzheimer Musikalienhändler Richard Voigt. Die Schallplatte war tot – seit rund acht Jahren aber lebt sie wieder. „Uns wurden damals 1000 gebrauchte Platten angeboten“, sagt Voigt. Es ist der Anfang einer Erfolgsgeschichte. Denn mittlerweile türmen sich über 50 000 Platten in Voigts Laden in der Jägerpassage. Und wie läuft das Geschäft? Ordentlich am Anfang, dann stetig besser, meint Voigt: „Aber seit zwei Jahren läuft es richtig gut.“ Die Industrie spielt mittlerweile wieder mit.

Wer Platten hören will, muss nicht immer nur zu den Beatles oder Pink Floyd den Kopf bewegen. „Auch im aktuellen Rock/Pop-Bereich kommt ja fast jedes Album wieder als LP raus“, sagt Voigt. Und das 65 Jahre nach dem Durchbruch. Den gab es im August 1951 bei der Musikmesse in Düsseldorf.

Die Deutsche Grammophon-Gesellschaft stellte die Langspielplatte vor – das Neue an ihr war die Abspielgeschwindigkeit von 33 1/3 Umdrehungen pro Minute. „So konnte man mehr Musik auf die Platte bringen“, sagt Brockmann. „Die Schellackplatten haben sich schneller gedreht – mit 78 Umdrehungen pro Minute.“ Mit dieser Innovation beginnt der Siegeszug des Vinyls. Er hält bis in die 1980er-Jahre. 1981 werden weltweit 1,14 Milliarden davon verkauft. Doch im gleichen Jahr wird die CD auf der Berliner Funkausstellung präsentiert – das Ende der Platte scheint unausweichlich. 1995 waren es weltweit nur noch 33 Millionen, und in Deutschland lag die Zahl der verkauften Vinylplatten Mitte der 1990er-Jahre bei gerade mal 400 000 Stück.

Aber Totgesagte leben länger. „Vinyl bleibt zwar im Nischenbereich, aber die Umsatzentwicklung ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen“, sagt Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie. 2015 gingen in Deutschland rund 2,1 Millionen Scheiben über den Ladentisch.

Und mit der Vinyl-Renaissance verbunden ist auch die Kunst des Covers auferstanden. Derzeit ist Cover-Artwork künstlerisch gesehen spannender denn je. So sieht das der österreichische und in New York arbeitende Designer Stefan Sagmeister, der unter anderem Plattencover für die Rolling Stones entworfen hat. „Ich glaube, dass 2015 und 2016 bessere LP-Hüllen entstanden sind als in jedem anderen Jahr der Geschichte des Albumcovers.“ Es sind eben gute Jahre, die die Platte gerade erlebt. Und das, obwohl es sie ja eigentlich gar nicht mehr geben dürfte.