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Beckmann kann auch anders: nämlich als gefühlvoller Liedinterpret.   roller
Beckmann kann auch anders: nämlich als gefühlvoller Liedinterpret. roller
26.02.2018

Empfindsame Songs voller Erinnerungen - Reinhold Beckmann begeistert im Osterfeld

„Sitzen ist ab jetzt für den Arsch“, meint Reinhold Beckmann, während er die zweite Zugabe spielt. Aufstehen ist angesagt, mitklatschen und mitsingen. Drei Dinge, die das Publikum im Malersaal des Pforzheimer Kulturhauses Osterfeld bestens beherrscht. „Ihr seid ja verrückt“, sagt Beckmann lächelnd zu seinen Zuhörern: „Das haben die gestern nicht so gut hingekriegt.“

Zwei Stunden lang steht er am Samstagabend zusammen mit Johannes Wennrich, der „Gitarren-Sau aus Hamburg“, auf der Bühne und präsentiert vor allem selbst geschriebene Songs: Gefühlvolles, Balladen, hin und wieder auch mal was zum Schmunzeln oder Mitklatschen. Und Liebeslieder, viele Liebeslieder. In seinen Songs geht es um Geborgenheit, um Egoismus, um das Älterwerden, um das immer stressiger werdende Leben, um hypochondrisch veranlagte Männer und immer wieder um seine Jugenderinnerungen, darum, wie es so war, damals in der kleinen norddeutschen Stadt Twistringen, in der er aufgewachsen ist. Als es in der Schule nach Bohnerwachs und CD, „damals noch eine Seife“, roch, als die Dinge „einfach noch schön“ waren, im Kino noch „Das Schweigen“ von Ingmar Bergman mit ein bisschen nackter Haut lief, der Kaugummi mehrere Tage lang gekaut und am Wochenende der Freundin ausgeliehen wurde.

Apropos: Charlotte hieß seine erste große Liebe, sie war die „Schlachthaus-Tochter“ des Dorfes, heute würde man wahrscheinlich politisch korrekt „Fleischereifachverkäuferin“ sagen. Ihr hat Beckmann genauso ein Lied gewidmet wie einer anderen Flamme aus Jugendzeiten. Eine, mit der er nachts im Käfer durch Bremen gefahren ist.

Beckmann hat viel zu erzählen. Von seiner Zeit in Marburg, wo er als 17-Jähriger in einer linken Wohngemeinschaft gelebt hat, um sich von einem gewissen „Siggi“ in Sachen Wehrdienstverweigerung coachen zu lassen. Und von seinem Hund, der sich die Fernbedienung schnappt, um mitten in der Nacht ein Live-Konzert von Helene Fischer zu gucken.

Jeder Menge Gefühl

Aber Beckmann kann auch ernst. Etwa, wenn er „Wohin in dieser Welt“ singt, eine Nummer, die er geschrieben hat, als das Foto eines tot am Strand liegenden Flüchtlingsjungen um die Welt ging. Mit seiner warmen, kräftigen Stimme trägt er die Songs vor, mal melancholisch, mal heiter, mal nachdenklich, aber immer mit jeder Menge Gefühl.

Das Publikum ist begeistert – und überrascht. Erst recht, als auf einmal Peter Freudenthaler auf der Bühne steht, Sänger von „Fools Garden“ und Freund Beckmanns. Ein Lied singen sie zusammen: eine langsame Ballade, in der es um den Abschied von einem geliebten Menschen geht. Am Ende spenden die Zuhörer tosenden Applaus und lassen Beckmann erst nach drei Zugaben von der Bühne. Die dritte ist übrigens „eine kleine Liebesballade für den Nachhauseweg“. Was denn sonst?