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14.12.2015

Entspannende Ein-Frau-Show

Pforzheim. Einen roten Faden sucht man bei Sigi Gall vergebens. Den hat eine Künstlerin aber auch nicht nötig, die es fertigbringt, unvermittelt von einem Genre ins nächste zu springen, von jetzt auf gleich das Mikrofon gegen die Tasten des Klaviers zu tauschen, aus der Jeans ins Abendkleid zu schlüpfen und so ihr Publikum immer wieder mit ihrer Wandlungsfähigkeit zu beeindrucken.

Pforzheim. Einen roten Faden sucht man bei Sigi Gall vergebens. Den hat eine Künstlerin aber auch nicht nötig, die es fertigbringt, unvermittelt von einem Genre ins nächste zu springen, von jetzt auf gleich das Mikrofon gegen die Tasten des Klaviers zu tauschen, aus der Jeans ins Abendkleid zu schlüpfen und so ihr Publikum immer wieder mit ihrer Wandlungsfähigkeit zu beeindrucken.

Und damit das von Beginn an tiefenentspannt in der richtigen Stimmung für ihr Programm ist, fordert Gall dazu auf, erst einmal dem Vordermann freundschaftlich auf den Rücken zu klopfen oder die störende Hochfrisur abzunehmen und den schlimmsten Sorgen locker-lässig zu entgegnen: „Ach, iwo“. Stress gibt es ja mehr als genug und unter Entspannung versteht auch jeder etwas anderes. Für Gall ist das Wort sowieso irreführend, zeugt es doch von einem „konträren Sprachgebrauch“ und zwingt das Gehirn sogar zum Umdenken. Rechtmachen kann man es ihr jedenfalls nicht. Denn auch wenn ihr Programm „Entspannung steigt“ heißt, kann sich Gall ohne Not scheinbar konzeptlos über alles Mögliche echauffieren. Über Probleme beim Einparken, über selbst verschuldete Unpünktlichkeit, über hilfsbereite alte Damen mit „Krankenschwesternblick“ und darüber, dass Deutsche angeblich keinen Spaß verstehen. Besonders schlimm findet sie Tupperpartys, bei denen die Verkäuferinnen – von ihr „Tupperstuten“ oder „Tuppernator“ genannt – mit schrill-kreischender Stimme die Vorteile bunter Plastikboxen anpreisen. Generell ließen sich die Leute heutzutage alles andrehen, findet Gall. Beispiel: Anti-Aging-Cremes. „Das Einzige, das gegen Altern hilft, ist Sterben“, stellt sie trocken fest und weiß auch gleich den passenden Produktnamen: „Stirb langsam, aus dem Hause Lebewohl“.

Bissiger Humor auf der einen, gefühlvolle Lieder auf der anderen Seite machen das Einzigartige an der Künstlerin aus. Zunächst begleitet sie sich nach dem Motto „selbst ist die Frau“ noch am Klavier, dann holt sie sich mit Florian Tekale einen der Musiker auf die Bühne, auf die sie eigentlich lieber verzichtet hätte. Musiker, da ist Gall sich nämlich sicher, seien „ein ganz spezielles Völkchen“ und für die sei „Stil“ gleichbedeutend mit dem Ende eines Besens. Auch wenn die meisten ihrer Nummern bei dem kleinen Publikum im Osterfeld gut ankommen, für Gelächter sorgen und trotz der enthaltenen Komik bisweilen sogar nachdenklich stimmen, wirkt Vieles erkennbar einstudiert, langatmig-behäbig und einfallslos. Dennoch gibt es am Ende reichlich Applaus – nur eine Zugabe wird nicht verlangt. Nico Roller