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In die Gegenwart gerückt: Hausfassade, wie sie an vielen Stellen auch in Pforzheim zu erleben ist.
In die Gegenwart gerückt: Hausfassade, wie sie an vielen Stellen auch in Pforzheim zu erleben ist.
Die amerikanische Oper „Street Scene“, die im Theater in Pforzheim Premiere hatte, spielt in einer Straße in New York in den 1940er-Jahren.  Haymann
Die amerikanische Oper „Street Scene“, die im Theater in Pforzheim Premiere hatte, spielt in einer Straße in New York in den 1940er-Jahren. Haymann
Im Streit: Das Ehepaar Anna (Anna-Maria Kalesidis) und Frank Maurrant (Cornelius Burger).
Im Streit: Das Ehepaar Anna (Anna-Maria Kalesidis) und Frank Maurrant (Cornelius Burger).
Verliebt: Rose Maurrant (Dorin Rahardja) und der junge Student Sam Kaplan (Johannes Strauß).
Verliebt: Rose Maurrant (Dorin Rahardja) und der junge Student Sam Kaplan (Johannes Strauß).
25.01.2016

Erfolgreiches Wagnis mit Kurt Weills Oper „Street Scene“ in Pforzheim

Nein, die Geschichte geht leider nicht gut aus. Die Suche nach dem Glück schlägt fehl, und das Liebespaar, das eben noch von einer blühenden Zukunft träumte, trennt sich. Am Ende des ereignisreichen Tages in einem armseligen New Yorker Wohnblock stehen Tod und zerborstene Hoffnungen.

Und doch ist Kurt Weills „amerikanische Oper“, die er 1947 als realistische Milieustudie nach der Vorlage eines Romans von Elmer Rice schrieb und die unter dem neutralen Titel „Street Scene“ Einblick in das Alltagsleben einfacher Menschen gewährt, ein großer Wurf. Der Komponist, der zuvor in Deutschland mit Erfolgsstücken wie „Dreigroschenoper“ oder „Mahagonny“ zu großem Ruhm gelangt war und 1935 vor den Nazis in die USA floh, begann in Amerika eine neue Karriere, in der er auch musikalisch an die einheimischen Traditionen von Jazz, Blues und Broadway-Musical anzuknüpfen suchte.

So ist denn „Street Scene“ eine bisweilen verstörende, aber immer faszinierende Mischung höchst unterschiedlicher Stile und Strömungen, wie Weill sie auch als europäisches Erbe in die Neue Welt mitgebracht hat. Da besingt die unglücklich verheiratete Anna Maurrant ganz im Tone einer Puccini-Heldin ihre Verzweiflung. Ihr eifersüchtiger Ehemann Frank, der sie schließlich gar umbringt, äußert sich in emotionalen Eruptionen von veristischer Wucht. Das virtuose, ironisch pointierte „Eiskrem-Sextett“, das die Vorzüge von Vanille-Eis und damit des American Way of Life preist, erinnert an schmissige Belcanto-Ensembles. Der Song des Hausmeisters zitiert dagegen Elemente des Spirituals, hübsche Kinderszenen und der Jubel einer munteren Highschool-Absolventin sind dem amerikanischen Alltag abgelauscht, das fetzige Tanzduett eines beschwipsten Pärchens bringt eine heiße Jitterbug -Einlage ins Spiel, und in den schwärmerischen Liebesduetten von Sam und Rose, in denen die beiden den Aufbruch in eine bessere Welt beschwören, klingt die lyrische Emphase der Operette an.

Passagen des Sprechgesangs

All diese Richtungen, die Weill zu realistischem Musiktheater verquickt, werden durchsetzt mit gesprochenen Dialogen, aber auch mit Passagen eines musikalisch unterlegten Sprechgesangs. Die Partitur von „Street Scene“ verlangt den Sängern eine enorme Vielseitigkeit ab. Die Komposition stellt aber auch an das Orchester der Badischen Philharmonie höchst anspruchsvolle Aufgaben. Dirigent Markus Huber blättert die Farbpalette von empfindsamer Zartheit zu greller Disharmonie, von unverblümter Härte zu sensibler Feinheit, von komödiantischer Drastik zu dramatischem Nachdruck und bisweilen wohl auch melodramatischem Pathos mit spannungsvollem Ausdruck, mitunter leider auch mit allzu lärmender Lust am Fortissimo auf.

Der Regie von Thomas Münstermann, die das Stück in der Entstehungszeit belässt, gelingt es meist überzeugend, die bunten Bilder der großen Ensembles und detailfrohen Chorauftritte durch eindringliche Führung der Solisten zu unterbrechen, was den Protagonisten Raum zur Entfaltung ihrer Gefühle lässt.

Im Ensemble ragen vor allem Anna-Maria Kalesidis als anrührende Anna Maurrant, Cornelius Burger als ihr düster leidender Mann Frank, der strahlende Tenor Johannes Strauß als herausragender Sam und Dorin Rahardja als überzeugende Rose heraus. Janne Geest und Johannes Blattner als wirbelnde Jitterbug-Partner in ihrer spritzigen „Ginger & Fred“-Einlage, Lilian Huynen als drastische Plaudertasche Emma, Edward Lee als drollig aufgeregter Jungvater Daniel, Kwonsoo Jeon als beherzt singender Eis-Fan Lillo und Danielle Rohr als liebenswert begeisterte Schülerin Jennie setzen nachdrückliche Akzente.