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2000 Bücher des documenta-Kunstwerks „Parthenon der Bücher“, an denen sich seit vergangenem Wochenende Besucher bedienen dürfen, werden künftig in Kassels Stadtbücherei zu sehen sein. Foto: Gehlen
2000 Bücher des documenta-Kunstwerks „Parthenon der Bücher“, an denen sich seit vergangenem Wochenende Besucher bedienen dürfen, werden künftig in Kassels Stadtbücherei zu sehen sein. Foto: Gehlen
15.09.2017

Es hagelt Kritik: „Unter aller Sau“ - documenta-Bilanz fällt eher negativ aus

Kassel. Von „Katastrophe“ ist die Rede: Die Kritik an Adam Szymczyks documenta 14 fällt heftig aus. Nur wenige Fachleute – ob Kritiker, Galeristen, Kunsthistoriker oder Museumsdirektoren – fanden die Fünfjahres-Ausstellung, die an diesem Wochenende zu Ende geht, überzeugend. Und das lag nicht an der Idee Szymczyks, die traditionell in Kassel beheimatetet Weltkunstschau parallel in Athen stattfinden zu lassen.

Christian Saehrendt, Autor des Buches „Ist das Kunst, oder kann das weg“, fand das beste documenta-Kunstwerk ein hochprozentiges Bier, das ein Künstler aus Nigeria gebraut hatte. „Angetrunken ließ sich diese documenta am besten ertragen“, sagt der in Kassel geborene Kunsthistoriker. „Ein Festival einer politisch korrekten Meinungselite mit der dazu passenden Gesinnungsästhetik“ sei das gewesen, eine „unterdurchschnittliche“ Ausgabe der immer noch wichtigsten Kunstausstellung der Welt, „kuratorisches und künstlerisches Mittelmaß“.

„Hast Du darüber schon nachgedacht? Und das ist auch schlimm! Darauf musst Du jetzt mal reagieren“, habe diese documenta ihren Besuchern ständig entgegengebrüllt, kritisiert Kristian Jarmuschek, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler. Die Kunst sei in Kassel und Athen „vernutzt“ worden, sagt Jarmuschek: „Kunst, die nicht berührt oder überwältigt, sondern nur didaktisch funktioniert, um bestimmte Themen anzusprechen.“ Bei ihm habe „dieses Oberlehrerhafte“ eher Widerwillen erzeugt – zumal er Vieles im Einzelnen naiv, populistisch und oberflächlich fand.

„Diese documenta war ein Verrat an allem, was die documenta jemals war und wollte“, sagt der Kasseler Kunstwissenschaftler Harald Kimpel. Traditionell habe die documenta „eine Orientierungsfunktion, die Aufgabe, den Kanon des Zeitgenössischen zu definieren“. Szymczyk habe das aufgegeben, bewusst verweigert. Den Besuchern würden „die Traumata von Menschen aus aller Welt kommentarlos vor die Füße geworfen“. Die documenta 14 habe sich mit den Katastrophen der Welt beschäftigt „und ist dabei selbst zur Katastrophe geworden“.

Es gibt aber auch Zustimmung. Adam Szymczyk habe eine spannende Ausstellung gemacht, sagt Elke Buhr, Chefredakteurin des Kunstmagazins „Monopol“. Die Schau habe mit den beiden Standorten in Kassel und Athen sehr gut funktioniert, weil sie eine andere Perspektive auf Deutschland und auch auf die globale Kunst ermöglicht habe. Die documenta sei „unter aller Sau“, schimpft dagegen Bazon Brock, emeritierter Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung. Die Kuratoren hätten sich „blamiert“ und „auf der ganzen Bandbreite versagt“.

Nicht einmal Museumsdirektorin Susanne Gaensheimer, die immerhin in der Auswahlkommission saß, die Szymczyk ins Amt hob, kann sich zu einem überzeugenden Lob durchringen. Die neue Direktorin der Kunstsammlung NRW fand die Ausstellung zwar „intensiv und tiefgründig“, kritisiert aber die mangende Vermittlung. Die documenta habe sich „sehr verschlossen“ gegeben. „Sie erforderte extrem viel Eigeninitiative vom Besucher. Nur wenn man sich sehr viel Zeit nahm und sehr viel las, entfaltete sich dieser tolle gedankliche Kosmos.“

Und was bedeutet diese documenta für die nächste Ausgabe 2022? Wenn die documenta „ein zentrales Forum für Gegenwartskunst“ bleiben soll, sagt Saehrendt, dann müsse die Macht der Kuratoren beschnitten werden. Künftigen Findungskommissionen rät er, „eine simple Bedingung zu stellen: Zeitraum und Ort sind unverhandelbar – 100 Tage, alle fünf Jahre, im Sommer, in Kassel.“ Harald Kimpel sieht die documenta am Scheideweg. Drei Szenarien hält er für die 15. Ausgabe für denkbar: eine noch größere räumliche Ausdehnung, statt Athen dann vielleicht Shanghai oder Rio; die komplette Verlagerung ins Virtuelle und Digitale; oder „eine komplette Re-Orientierung“.