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Rund 1000 Konzerte hat er mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim gegeben: Vladislav Czarnecki feiert seinen 80. Geburtstag. Foto: Meyer
Rund 1000 Konzerte hat er mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim gegeben: Vladislav Czarnecki feiert seinen 80. Geburtstag. Foto: Meyer
11.08.2017

Ex-SWDKO-Chef Vladislav Czarnecki wird 80

Es ist ein weiter Weg von Ostrava nach Bad Wildbad, einer, der als Lebensweg durch gleich mehrere europäische Länder führen kann: Vladislav Czarnecki, heute von 80 Jahren in der mährischen Stadt Ostrau geboren und seit über einem Jahrzehnt im idyllischen Bad Wildbad beheimatet, hat viel erlebt und viel zu erzählen. Der ehemalige Chef des Südwestdeutschen Kammerorchesters feiert seinen 80. Geburtstag.

Die Jugendjahre:

Der junge Vlado studiert Geige und Bratsche am Konservatorium seiner Geburtsstadt, danach das Fach Dirigieren an der Janáček-Akademie in Brünn, gründet ein Kammer- und Sinfonieorchester, unterrichtet am Konservatorium, dirigiert in Tschechien, Polen, Jugoslawien, der Slowakei. Ende der 1960er-Jahre nutzt er seine Bratsche für den Weg in den Westen. „Als Dirigent hätte ich keine Chance gehabt“, sagt er rückblickend.

Die Lehrjahre:

Als Bratschist nimmt ihn das holländische Frysk-Orkest mit Kusshand. Ein Jahr lang lernt er – vor allem die Sprache. Denn: „Ein Dirigent muss sprechen können“, weiß Czarnecki. Doch dann ist er soweit: Er zeigt sein Dirigenten-Diplom und darf fortan als ständiger Gast am Pult stehen. Aber die Gesundheit macht ihm einen Strich durch die Rechnung: Der Ellenbogen schmerzt, und sein Arzt verkündet: „Dieses Klima ist nichts für Sie“. So macht sich der 34-Jährige auf gen Süden. Beim Radiosymphonieorchester Lugano wird er als Solobratschist verpflichtet. Und er lernt wieder: nicht nur die Sprache, sondern auch von den zahlreichen Dirigenten des Orchesters, darunter der berühmte Sergiu Celibidache. „Einmal fragte mich ein Dirigent, warum ich ihn immer so intensiv anschaue, das sei er von anderen Musiker nicht gewöhnt“. Das genau Studium der Dirigierweisen hat Erfolg: Nach einem Jahr steht Vladislav Czarnecki am Pult. In Lugano und vielen anderen Städten der Schweiz und Italiens. Er dirigiert das Sinfonie-Orchester San Remo und auch ein Abo-Konzert des Südwestdeutschen Kammerorchesters. Kurz darauf kommt ein Hilferuf aus Pforzheim: Der Pianist und Dirigent einer geplanten Italien-Tournee hat gesundheitliche Probleme. Czarnecki springt ein, und das Orchester ist so begeistert, dass er 1986 als neuer Chef verpflichtet wird. Ein paar Jahre will er bleiben, sich dann eher der Sinfonik und großen Orchestern widmen. Doch es soll anders kommen.

Die Erfolgsjahre:

Czarnecki ist nicht nur ein einfühlsamer Dirigent, sondern auch ein gewiefter Marketingmann. „Ich habe immer vorausgeplant – zwei bis drei Jahre. Und so lange musste ich dann natürlich bleiben“, sagt er. Es sollen bis zu seinem Ruhestand insgesamt 16 Jahre werden. Doch zuerst muss der Orchesterchef Aufbauarbeit leisten. Der ständige Dirigentenwechsel nach Paul Angerer hat dem Ruf des Klangkörpers geschadet. Und so feilt Czarnecki am Streicherklang, sorgt mit Entdeckungen, wie das Violoncellokonzert von Boccherini, für Aufsehen. Und bemüht sich um bekannt Solisten. „Ich wollte unbedingt den bekannten Geiger Gidon Kremer verpflichten“, schildert er. Doch der hat keine Zeit. Kurzerhand fliegt Czarnecki nach Rom, wo Kremer ein Konzert gibt. Beim Gespräch in der Pause wird der Deal perfekt: Kremer spielt mit dem SWDKO, geht sogar mit auf Spanien-Tournee. Überhaupt ist der SWDKO-Chef der Mann für Tourneen, bringt sein Orchester in Deutschland, Europa und Asien an den Klassikfan. Die große Japan-Tournee erfährt eine ganz besondere Einführung. Mit einer japanischen Sängerin und japanischen Gastmusikern spielt er Boccherinis „Stabat Mater“ auf CD ein und vereinbart mit Japan Airlines einen Vertrag. Die sponsern nicht nur alle Flüge, sondern spielen die CD ein Jahr lang auf all ihren Flügen. Kein Wunder, dass die drei Konzerte des SWDKO in Japan komplett ausverkauft sind und 50 000 Mark die Orchesterkasse füllen.

Und Czarnecki verpflichtet bekannte Solisten, wie Bernd Glemser und Mischa Maisky, kümmert sich um den Nachwuchs, gastgiert, und, und … Wenn er heute nachrechnet, dann kommt er in all den Jahren auf über 1000 Konzerte mit dem SWDKO und rund 40 Schallplatten- und CD-Aufnahmen, von denen viele noch auf dem Markt sind und im Rundfunk gespielt werden.

Die Ruhejahre:

Vor fünf Jahren ehrt die Stadt Pforzheim den beliebten und hoch geschätzten Orchesterchef mit der Portus-Medaille. Der Ruhestand ist zuerst noch geprägt von Gastdirigaten. Doch zunehmend genießt Vladislav Czarnecki das Zuhören. Ist mit seiner Frau Christa ständiger Gast der Abo-Konzerte und häufig unterwegs. Aber jetzt freut es sich erst einmal auf das Fest mit der Familie und sein Geburtstagskonzert im September.