nach oben
Kurt Wallander (Matias Bocchio) blickt der Rente entgegen. Doch daraus wird erstmal nichts. Ein alter Fall wartet auf die  endgültige Lösung. Foto: Schmidt
Kurt Wallander (Matias Bocchio) blickt der Rente entgegen. Doch daraus wird erstmal nichts. Ein alter Fall wartet auf die endgültige Lösung. Foto: Schmidt
21.07.2016

Experiment auf der Opernbühne: Uni Tübingen wagt sich an Uraufführung

Tübingen. An der Uni Tübingen ist eine Oper uraufgeführt worden. „W – The Truth Beyond“ dreht sich um den Kommissar Kurt Wallander.

Es ist ein ganz schönes Wagnis, das sich die Universität Tübingen da ausgesucht hat. Eine Oper nicht nur aufzuführen, sondern sie selbst in Auftrag zu geben. Mit allem, was dazugehört: Librettisten finden, Finanzierung sicherstellen, Sänger und Orchester aussuchen, den Aufführungsort bespielbar machen – ein Mammutprojekt. Doch es hat sich gelohnt. Die Uraufführung der Kriminaloper „W – The Truth beyond“ zeigt sich als voller Erfolg: stehende Ovationen, breites Medieninteresse und die Freude aller Mitwirkenden, dass es geklappt hat. Wie ist das möglich? Vor allem aus einem Grund: Die Verantwortlichen um den Universitätsmusikdirektor Philipp Amelung haben ein Gleichgewicht gefunden.

Das gewagte Skelett „zeitgenössische Oper“ haben sie mit dem Fleisch der Sicherheit bekleidet. Der Stoff könnte populärer nicht sein: Es ist die Krimi-Welt des Schwedenkomissars Kurt Wallander. Bücher für die Bestsellerliste – und solche, die schon auf unzähligen Nachttischen lagen.

Der Komponist? Ist mit Frederik Sixten ein kluger Klanggestalter, der in seiner „W“-Partitur genau weiß, wie weit er gehen kann. Der die wildeste Stilmischung doch zu einem Ganzen verbindet. Aus allen möglichen Töpfen bedient er sich, aus folkloristischen Geigenklängen, musical-artigem Slapstick, Neo-Gregorianik und spätromantischer Orchesterschwere – und kondensiert daraus einen durchaus eleganten Privatstil, der packt, ohne allzu sehr zu schrecken.

Auch sonst gibt es gefällige Entscheidungen, die das Wagnis abmildern. Die Inszenierung von Julia Riegel ist übernaturalistisch. Die Kriminalkollegen tragen blaue Uniformen, wenn sie den Haudegen Wallander in den Ruhestand verabschieden. Gibt es ein Fußballspiel, stürmt der Chor trikotbekleidet die Bühne.

Das alles wirkt mehr vom Film her gedacht als von der Oper. Denn auch die Handlung hat einer gestaltet, der in Fernsehszenen denkt: Klas Abrahamsson, ein schwedischer Dramatiker, der schon „Wallander“-Drehbücher schrieb. So bestimmt ein Stilmittel das Werk, das doch so unopernhaft scheint: die Rückblende. Aber auch das Genre gibt es vor. Im Krimi geht es ja stets auch darum, wie etwas war. Eine epische Sichtweise auf die Handlung ist da programmiert. Das funktioniert – unerwartet – gut. Auch, weil die ständigen Vergangenheitssprünge in das Konzept der Tübinger Medienwissenschaftler einbezogen sind, das die Handlung auf drei nebeneinander stehenden Leinwänden kommentiert – und sich für die Vergangenheit eine eigene Farbwelt ausgedacht hat.

Ein bisschen arg viel Zeitgeist

Und die Handlung? Auch sie folgt klassischer Krimi-Konvention – und gewinnt ihren Reiz aus dem Mitraten des Publikums. Am Anfang noch scheint alles klar: Wallander sieht dem Ruhestand entgegen. Da erscheint auf seiner Abschiedsfeier ein Mann, frisch aus dem Gefängnis entlassen. Er klagt an; der Kommissar habe ihn zu Unrecht hinter Gitter gebracht. Wallander – erst skeptisch – beginnt dann doch, den Fall neu aufzuziehen. Und entdeckt, dass natürlich alles anders als gedacht ist. Es gibt eine Wahrheit hinter den scheinbaren Tatsachen. Wie die sich langsam entfaltet, bekommt der Zuschauer hautnah mit.

Klas Abrahamsson bemüht dabei gleich mehrere Themenkomplexe von herausragender Aktualität – Demenz, Transsexualität, Identitätsdiebstahl – und geht im Ganzen dann doch zu sehr im Zeitgeist auf. In der Naivität des progressiven Weltbilds – wohl eine ureigen skandinavische Grundhaltung – haben mehr Klischees als echte Menschen ihren Platz. Böse Dorfreaktionäre zum Beispiel oder übergütige Pfarrerinnen. Etwas hölzern ist das schon, sorgt im Verlauf aber trotzdem für dramatisches Vergnügen, eben weil das so gebannte Mitfiebern zu einer Rezeptionshaltung führt, die in der Oper nicht alltäglich ist: die vollständige Konzentration auf die Handlung.

Die musikalische Gestaltung gelingt über weite Teile anständig, manchmal tönt das Orchester – die Württembergische Philharmonie Reutlingen unter Amelung – zu laut, die Textverständlichkeit des englisch gesungenen Werks ist gerade am Anfang schlecht – aber insgesamt zeigt sich das Werk als Gewinn für die Stadt, die seit 250 Jahren keine Opernaufführung mehr erlebt hat. Im August ist „W“ im schwedischen Ystad, Wallanders Heimat, zu sehen. Auch dort wird das Werk wohl zu fesseln wissen.