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Vor der Kamera statt vor Publikum: Jeder Instrumentalist des Südwestdeutschen Kammerorchesters spielt im CCP am eigenen Pult, die Corona- und Abstandsregeln verändern den Eindruck – optisch, aber auch akustisch.  Foto: Keller 
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Sorgen für einen begeisternden Konzert-Höhepunkt: Solist Oliver Schnyder am Klavier und Chefdirigent Douglas Bostock.  Foto: Keller 
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Auch über PZ-news.de war das Konzert zu sehen – zur Freude von Online-Redaktionsmitglied Sven Sartison. Zwischen 1000 und 1500 Zuschauer hat es erreicht.  Foto: Meyer 

Experiment gelingt mit strahlender Klangpracht: So war das Online-Konzert des Südwestdeutschen Kammerorchesters

Pforzheim. Das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim zeigt Flagge, es ist wieder da. Lang vermisste Konzertatmosphäre und der kultivierte Klang des Ensembles begeisterten am Sonntag nicht nur die Musikfreunde in der Region – freilich in einem anderen Format als sonst und unter Umständen, die der Corona-Pandemie geschuldet sind. Das sechste, in der Spielzeit 2019/20 letzte und von der PZ präsentierte Abonnement-Konzert des SWDKO fand online statt, wurde um 13.30 Uhr im CongressCentrum Pforzheim (CCP) ohne Publikum aufgeführt und um 19 Uhr, angereichert mit Interview- und Einführungs-Videoclips, auf pz-news.de, Youtube und Facebook übertragen.

Professionelle Bildregie und Tontechnik, die eine perfekte Wiedergabe sicherstellten, sorgten für ein erfreuliches Musikereignis. Abstandsregeln veränderten den optischen Ensemble-Eindruck: – Jeder Instrumentalist des durch Bläsergruppen und Pauke sinfonisch erweiterten Kammerorchesters spielte am eigenen Pult. Vor allem aber war im unbestuhlten CCP eine ganz neue Akustik zu erleben – mit enormem Nachhall wie in einer Kathedrale. Jedenfalls war der manchmal etwas trocken-stumpfe Klang, wie er in diesem Saal bei „normalen“ Kammermusik-Aufführungen vorherrscht, im Rausch der Töne vergessen.

Mit Schwung und Empathie

Die lange vor der Corona-Krise konzipierte „Italienische Reise“ des Orchesters bot Werke von Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart und Felix Mendelssohn-Bartholdy – eine Zusammenstellung, wie sie traditionell ausgerichtete Klassik-Fans lieben und offensichtlich vom neuen Chefdirigenten Douglas Bostock geschätzt wird, der sein Antrittskonzert mit Schwung und Empathie leitete. Beethovens zum Auftakt musizierte Ouvertüre „Die Geschöpfe des Prometheus“ (op. 43) stellte die erwähnten akustischen Qualitäten heraus: eine mit Paukenschlag donnernde Eröffnung, effektvolles Dahinstürmen und Singen der Bläser und Streicher, wuchtig hallende Sforzati.

Mozarts d-Moll-Klavierkonzert KV 466 fasziniert immer wieder aufs Neue. Auch in der Pforzhei-mer Wiedergabe wurde der erste Satz (Allegro) mit dramatisch dunklen Klangfarben belegt: Nach Streicher-Repetitionen und vorangetriebenen Synkopen-Folgen trat das Klavier solistisch in die stürmische Auseinandersetzung ein. Temperamentvoll meisterte der Schweizer Pianist Oliver Schnyder die Herausforderung, sich gegenüber dem orchestralen Partner in unruhig-düsteren Figurationen zu behaupten. Klar und zuweilen auch hart sein Anschlag, leidenschaftlich pulsierend die Akkordballungen und Läufe.

Meisterleistung am Pult

In feinster Ausgewogenheit interpretierte der Solist die tröstlichen Lied-Melodien der „Romance“ und zauberte mit verträumter Zartheit reine Klangschönheit in den Saal, gleichsam mit Trauer und Sehnsucht aufgeladen. Auf das erneute ungestüme Losbrechen des musikalischen Ringens im finalen „Allegro assai“ mit den virtuosen Wirbeln im Klavierpart folgten beruhigende Schlusspassagen: ein begeisternder Konzerthöhepunkt und eine Meisterleistung von Bostock am Dirigentenpult, der mit hoher interpretatorischer Kompetenz die musizierenden Kontrahenten zusammenführte.

Nach der, auch online erfolgten, Pause spielten die Südwestdeutschen Mendelssohns Sinfonie Nr. 4 in A-Dur (op. 90), die sogenannte „Italienische“, und sorgten für sonnenstrahlende Klangpracht, südländische Volkstanzfreude, brillant ausgeführte Bläser- und insbesondere Hörner-Passagen sowie ein kraftvoll gesteigertes Konzert-Finale.

In ihren Pausen-Gesprächen erläuterten Bostock und Schnyder, dank zahlreicher gemeinsamer Auftritte miteinander vertraut, ihre Programm-Idee. Beethoven schätzte das Mozart-Konzert über alles, spielte es mehrfach selbst und komponierte die auch in Pforzheim zu hörenden Satz-Kadenzen dazu. Mendelssohn verehrte beide Komponisten. Bei der von ihm geleiteten Londoner Uraufführung seiner „Italienischen“ stand auch Mozarts d-Moll-Klavierkonzert auf dem Programm: Am Flügel der hervorragende Pianist Mendelssohn!

Als Fazit des gelungenen Online-Experiments sei ein Zuhörer-Kommentar zitiert: „Bellissimo! Und natürlich mille grazie für dieses ganz besondere Konzert in besonderer Zeit.“

Das von der PZ präsentierte, gut anderthalbstündige Konzert ist weiterhin auf dem Youtube-Kanal des Kammerorchesters zu sehen.