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Bringen Silber- und Goldschmiedearbeiten aus einfachen Formen zur Perfektion: Ulla und Martin Kaufmann. Foto: Moritz
Bringen Silber- und Goldschmiedearbeiten aus einfachen Formen zur Perfektion: Ulla und Martin Kaufmann. Foto: Moritz
12.07.2019

„Fast nichts“ zeigt Gefäße und Schmuck von Ulla und Martin Kaufmann

Pforzheim. Reduziert und schnörkellos, formal präzise, authentisch und auf handwerklich höchstem Niveau: Seit fast 50 Jahren gestaltet das Ehepaar Ulla und Martin Kaufmann Schmuck und Objekte wie Kerzenständer, Besteck, Halsschmuck und Ringe. Ein Querschnitt ihrer Silber- und Goldschmiedearbeiten ist jetzt im Schmuckmuseum Pforzheim zu sehen.

Dazu im Untergeschoss zwölf Aufnahmen des Fotografen Hans Hansen, die die Stücke getragen zeigen.

Museumsleiterin Cornelie Holzach ist froh, dass die Ausstellung nun zustande kam, nachdem das kreative Ehepaar schon in den Blick ihres Vorgängers Fritz Falk geriet. Mehr als 150 Arbeiten sind zu sehen – nicht im Sonderausstellungsraum, der sich weiterhin Humboldt widmet, sondern im umgestalteten Bereich des zeitgenössischen Schmucks.

Holzach lobt den Mix aus skulpturalem Schaffen und schönen Gebrauchsgegenständen. Die Arbeiten seien Beruhigungs- und Aufputschmittel zugleich. „Sie haben auf mich einerseits eine beruhigende Wirkung, mit dem Zusammenspiel von Flächen.“ Gleichzeitig zeichne sie eine große Spannung aus. Holzachs Lieblingsobjekte sind Becher, deren Boden aus Bergkristall besteht. „In ihnen spiegelt sich die rote Farbe, wenn Wein drin ist.“

Beide Kaufmanns sind 1941 in Hildesheim geboren und haben eine Ausbildung zu Silber- und Goldschmieden absolviert. Nach Aufenthalten in Norwegen und Frankreich leben sie seit 1970 in ihrer Heimatstadt als freischaffende Goldschmiede. „Die meisten Objekte entstehen von Anfang bis Ende gemeinsam. Das ist manchmal ein langwieriger Prozess“, sagt Martin Kaufmann. Ihre Arbeiten sind geprägt von Interesse an Architektur und Bildhauerei, mehrfach ausgezeichnet und in großen internationalen Museen zu sehen.

Die Ausstellung im Schmuckmuseum zeigt den Weg der Kaufmanns vom Silberschmieden von Objekten, plastischen Arbeiten mit Raum und Statik über Küchengeräte aus Messing und Edelstahl-Besteck für die Firmen Zwilling und Wilkens bis zur Hinwendung zum Schmuck. „Das eine greift ins andere“, beschreibt Ulla Kaufmann diesen Weg. Beim Material geht das Paar mit forschendem Blick vor. „Wie weit können wir in das Gold eindringen?“ sei eine der Fragen, der die Kaufmanns folgten. Nach langem Tüfteln sei die Idee entstanden, Stücke aus einem Band zu entwickeln. Der preisgekrönte Halsreif „Fast nichts“ schmiegt sich wie ein mehrfach geschwungenes Band um den Hals. Das Metall haben sie mit der exakt erforderlichen Spannung zur Spirale geschmiedet, einer Dicke von 0,24 Millimetern. Weiterer Clou: Verschlüsse waren dem Paar von Anfang an lästig. „Dass es ,Klack‘ macht, war uns ein Dorn im Auge“, sagt Ulla Kaufmann. Das geschwungene Band hält nur durch die Form seiner Biegung, ohne zusätzlichen Verschluss. Das extreme Schmieden bedeute einen Bruch mit herkömmlichen Methoden. „Wir entwickeln Formen aus unserem Leben heraus und haben uns früh von traditionellen Denkweisen gelöst“, sagt Ulla Kaufmann. Aus dem Band sei vieles entstanden, auch Design.

Ein Wechselspiel von Innen und Außen, Raum und Fläche, Schwung, Kurve, Kraft und Haltung, aber auch einen Hang zur Einfachheit prägen die Arbeiten. Edel, schwungvoll und sinnlich wirken die Schmuckstücke. Sie sind eine Hommage an Material, Handwerkskunst und die reine Schönheit geschmiedeter Bänder. Holzach: „Ulla und Martin Kaufmann gehen an die Grenzen der Edelmetall-Elastizität, ergründen die Spannung und bringen das Material in die bestmögliche Form und Funktion, samt Tragekomfort.“

Die Ausstellung wird am Freitag um 19 Uhr eröffnet, es spielt der Trompeter Andreas Michael. Die Schau ist bis 3. November zu sehen im Schmuckmuseum im Reuchlinhaus, Jahnstraße 42, in Pforzheim: dienstags bis sonntags und feiertags von 10 bis 17 Uhr. Eintritt: 4,50 Euro. Das Buch „Fast nichts“ kostet 22 Euro.

www.schmuckmuseum.de