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Auch der Bauch hat bei Raphael Mürles Traumgefährten eine ganze Menge  mitzureden.  Reinhardt
Auch der Bauch hat bei Raphael Mürles Traumgefährten eine ganze Menge mitzureden. Reinhardt
26.10.2015

Figurentheaterstück „Traumgefährten“ fasziniert bei der Premiere im Mottenkäfig

Pforzheim. Im Traum passieren die seltsamsten Sachen, begegnen sich Menschen, Tiere, Ereignisse und schaffen etwas Neues. So kann es schon mal vorkommen, dass ein einzelner Kopf einem gleichmäßig schwingenden Arm zuschaut.

Oder dass eine horizontal dahinschwebende Hand den Kopf beim Schlafen streichelt. Die Gliedmaßen sind lebendige Wesen, scheinen sich zu kennen und irgendwie zusammenzugehören. Und doch hat ein jedes sein Eigenleben, will sich der kantig geschnitzte Kopf auch nach dem dritten Versuch nicht mit dem Oberkörper vereinen. Das neue Figurentheaterstück „Traumgefährten – Die Welt der Schlafwandler und Zeitreisenden“, das am Freitagabend im Pforzheimer Figurentheater Raphael Mürle seine Premiere feierte, zeigt eine fantasievoll-skurrile Welt aus fragmentarischen Gestalten.

Experimentelle Mobiles

Keine fertigen Marionetten hat Raphael Mürle (Figuren, Bühne und Spiel) für die siebte Inszenierung von Martin Bachmann geschaffen, sondern experimentelle und leicht wirkende Mobiles. Mürle selbst fasziniert durch sein offen gelegtes, mit den Figuren mitfühlendes Spiel auf der Bühne, die aus einem Bett mit Wecker, Buch und verschiedenen Uhrpendeln besteht. Das Stück, dessen Inhalte aus dem Spiel hervorgegangen sind, dreht sich um das Thema Zeit, Traumgestalten und Fantasiewelten, darum, wie eine Kreatur entsteht und zum Leben erwacht. Eine Geschichte mit aufbauender Handlung ist nicht zu sehen. Stattdessen lässt der Regisseur in zehn losen Szenen die Körperteile oder Kleider aufeinandertreffen und teils zu sonderbaren Wesen verschmelzen.

Da räkeln sich bewegliche Fingerhölzer aus einer Kiste, bilden als verdrehte Hand plötzlich ein vierbeiniges Männchen. Da bewegt sich ein Kopf neben einem Hemd, da macht ein fischgrätenähnliches Skelett ein mürrisches Gesicht. Und da pendeln Augen, Mund und Nase unterm eigentlichen Gesicht, erscheinen ausgestreckte Finger mal als Wimper oder Bart. Wunderschön anzuschauen auch die Zirkusnummer eines kleinen, hölzernen Akrobaten, der schwerelos den schönsten Spagat der Lüfte meistert. Mal gespenstisch, mal poetisch kommt die Inszenierung daher, die ihren besonderen Effekt auch durch die Livemusik von Philipp Haag am Schlagwerk und Akkordeon erreicht. Diese geht Hand in Hand mit dem Figurenspiel, wirkt mal illustrativ, mal meditativ und experimentell.