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Nachdenklich im Berliner Nahverkehr: Susana Abdulmajid als Maryam in „Jibril“, der in der Ästhetik eines Dokumentarfilms daherkommt. Foto: pluto Film
Nachdenklich im Berliner Nahverkehr: Susana Abdulmajid als Maryam in „Jibril“, der in der Ästhetik eines Dokumentarfilms daherkommt. Foto: pluto Film
23.02.2018

Film der aus Pforzheim stammenden Henrika Kull hat Berlinale-Premiere

Berlin/Pforzheim. Die aus Pforzheim stammende Henrika Kull erhielt die Chance, ihren Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg im Panorama der Berlinale zu zeigen. Mit bemerkenswertem Fingerspitzengefühl entwickelt sie in behutsamen Szenen die Gefühls- und Alltagswelten ihrer Protagonisten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Maryam, alleinerziehende Mutter von drei Töchtern, trägt zwei Seelen in ihrer Brust: Die eine ist unabhängig und selbstständig, die andere sehnt sich nach einer traditionellen Beziehung. Der paradoxe Wunsch nach gleichzeitiger Nähe und Distanz sorgt dafür, dass sie sich in den Strafgefangenen Jibril verliebt. Die beiden werden füreinander zu Projektionsflächen einer idealen Liebe, die sich an der Realität nicht messen lassen muss. Bis Maryam eine folgenschwere Entscheidung trifft und die Wirklichkeit mit den Sehnsüchten kurzen Prozess macht.

So entstanden intensive Bilder von Sehnsucht und Verlorenheit. In Malik Adan als Jibril und Susana Abdulmajid als Maryam fand die Regisseurin Hauptdarsteller, denen man gern über die 83 Minuten folgt. Das täte man aber noch lieber, hätte Kamerafrau Carolina Steinbrecher nicht ausschließlich auf bewegte Handkamera gesetzt, die keinen Augenblick der Ruhe zulässt, sondern in atemberaubenden Achterbahnfahrten jeder Geste und jedem Blick der Protagonisten folgt. Dies sei eine bewusste Entscheidung für eine Ästhetik des Dokumentarfilms gewesen, die es den hauptsächlich semiprofessionellen Darstellern außerdem ermöglichte, frei zu agieren und sich nicht an eine klare Bewegungsregie zu halten. Rein optisch ganz nah dran ist der Zuschauer außerdem durch die Entscheidung, in Nahaufnahmen den Darstellern intensiv zu Leibe zu rücken, mit dem Ziel, die Einsamkeit der Figuren zu zeigen. Ein Ansatz, der nicht aufgeht, stellt sich der Eindruck von Einsamkeit und Verlorenheit beim Betrachter doch eher ein, wenn die Figuren Raum um sich haben und die Szenen atmen können.

Dass sich Regisseurin Henrika Kull mit der Thematik des Leids männlicher Strafgefangener und deren Partnerinnen seit Jahren beschäftigt hat und deshalb weiß, wovon sie erzählt, ist dieser sensiblen Filmarbeit anzusehen. Der Gefängnispfarrer, der auch im wirklichen Leben einer ist, setzte nach der Premiere ein Statement, als er sagte: „Gefängnisse zerstören Beziehungen. Und deshalb gehören sie auch abgeschafft.“