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Melancholie und Meditation: Thomas Brotzler ist fasziniert von leerstehender Architektur. Foto: Moritz
Melancholie und Meditation: Thomas Brotzler ist fasziniert von leerstehender Architektur. Foto: Moritz
05.07.2019

Foto-Ausstellung „Ein Waldenserhof am Scheideweg“ von Thomas Brotzler in der Künstlergilde Buslat

Neulingen. Stillstehende Zeit und Vergänglichkeit, sich mit blumiger Fantasie auszumalen, wie das Leben einst war auf diesem ehrwürdigen, kleinbäuerlichen Waldenserhof. Diesem Reiz ist der Therapeut und Fotograf Thomas Brotzler erlegen. Am morgigen Sonntag eröffnet er um 11 Uhr seine Ausstellung in der Künstlergilde Buslat im Katharinentaler Hof.

„Ein Waldenserhof am Scheideweg“ ist eine entschleunigende Ausstellung im Zeitlupentempo. Die rund 30 Schwarz-Weiß-Bilder sind Stationen eines Abschieds, eine „psychologische Erzählstrecke“, die zur Kontemplation einlädt. Eine Tochter verarbeitet darin dreierlei: den Tod ihres betagten, streng pietistischen Vaters, den Abschied vom – heute vor dem Abriss stehenden – Elternhauses und das unauhaltbare Verblassen waldensischer Traditionen. Die im 12. Jahrhundert aus Südfrankreich vertriebenen Protestanten gründeten gegen Ende des 17. Jahrhunderts bekanntlich einige Siedlungen im nördlichen und vor allem östlichen Enzkreis.

Mit dem Wunsch, den Abschied zu dokumentieren, sei der Kontakt zum Fotografen über das Maulbronner Stadtarchiv zustande gekommen, sagt Brotzler. Wegen der persönlichen Einblicke möchte die Tochter ihren Namen, aber auch den Ort des Hofes anonym lassen. Brotzler sieht sie daher als Stellvertreterin. „Jeder mag in der Betrachtung der Geschichte ein Stück weit seine eigenen Themen von ebenso schmerzlichem wie nötigem Verlust wiederfinden“, sagt der Mann aus Mühlacker.

Die Ausstellung nähert sich dem Waldenserhof Schritt für Schritt im Uhrzeigersinn von außen nach innen, von der Hülle zur Intimität. Da sind Ausschnitte des Areals zu sehen, Giebel eines Schuppens, scheinbar nur noch von Efeu gehalten. Über Wirtschaftsräume und Gewölbekeller geht es in den Wohnbereich. Im Schlafzimmer steht ein einsamer Stuhl, auf dem Speicher ein zurückgelassener Kinderwagen. Ein Bild blickt hinüber zum Nachbarhof: Da drüben ist noch Leben.

Es sind melancholische Situationen wie diese, die in die Ausstellung hineinziehen. „Wer will, kann in die Bilder einsteigen“, sagt Brotzler. Sie sind bereits mit dem „5th Fine Photography Award“ in der Sparte professionelle Architekturfotografie ausgezeichnet. Die Ausschnitte sind sorgfältig gewählt, von faszinierender, natürlicher Lichtführung und stets im Hochformat (40x60 Zentimeter). „Das hat kompositorische Gründe. Hochformate sind dynamischer und spannender als Querformate“, sagt der 57-Jährige, der sich ursprünglich der Malerei und Grafik widmete und immer mehr der Fotografie verschrieben hat.

Es war einmal, es ist nicht mehr: Leerstehende Bauten, etwa das Mühlacker Ziegeleiwerk, hat Brotzler schon häufig fotografiert. Als Teil der auf Plattformen wie Instagram angesagten „Lost Places“-Szene (verlorene Orte) sieht er sich indes nicht: „Ich abeite stets mit Erlaubnis.“