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Paar mit Hund vor Backsteinbauten: Sebastian Wells fotografierte in der einstigen Kohlearbeiter-Hochburg Wigan. Foto: Meyer
Paar mit Hund vor Backsteinbauten: Sebastian Wells fotografierte in der einstigen Kohlearbeiter-Hochburg Wigan. Foto: Meyer
Überrascht von Befindlichkeiten: Annemie Martin spürt der Stimmung an britischen Hochschulen nach. Foto: Meyer
Überrascht von Befindlichkeiten: Annemie Martin spürt der Stimmung an britischen Hochschulen nach. Foto: Meyer
Karge Plätze: Lars Bösch betrachtet nüchtern von der EU geförderte Bauprojekte in Manchester. Foto: Meyer
Karge Plätze: Lars Bösch betrachtet nüchtern von der EU geförderte Bauprojekte in Manchester. Foto: Meyer
Dystopische Visionen eines menschenleeren öffentlichen Raums: Linus Müllerschön hat sie eingefangen. Foto: Meyer
Dystopische Visionen eines menschenleeren öffentlichen Raums: Linus Müllerschön hat sie eingefangen. Foto: Meyer
18.05.2018

Foto-Ausstellung im LAF zeigt die große britische Verunsicherung

Pforzheim. Ausgestorbene Straßen, öde Plätze, monotone Stadtbauten und frustriert wartende Menschen. Wie tief die Verunsicherung der Briten nach dem EU-Referendum ins Alltagsleben hineinreicht, das haben acht Studenten der Berliner Ostkreuzschule für Fotografie ergründet.

Im Mai 2017 fuhren sie in den Großraum Manchester, wo prozentual die meisten Wähler für den EU-Austritt stimmten.

In Reportagen näherten sie sich dem Thema Brexit an, dessen Folgen für Wirtschaft, Politik, Forschung und öffentliches Leben noch immer unabsehbar sind. Sehr wohl aber lassen sich die Stimmungen eines Landes im Schwebezustand einfangen. Entstanden sind acht vielseitige, eigenwillige Foto-Serien, die tiefe Einblicke in die Seele der Menschen geben und auch das ein oder andere Klischee sensibel betrachten. „Distant Islands“ ist von heute Abend an im LAF-Projektraum an der Östlichen 7 zu sehen.

„Arroganz des Alltags“

Über persönliche Kontakte sei die Ausstellung in Pforzheim zustande gekommen und schon lange geplant gewesen, sagt LAF-Frontmann Johannes Mall. Zwischenzeitlich ist viel passiert: Das „Zeit Magazin“ hat die Bildstrecke online präsentiert. Ausgestellt war sie bereits im Goethe-Institut Berlin und der Fotogalerie Friedrichshain, worüber auch das Kunstmagazin „Monopol“ berichtete. Im Anschluss an die bis zum 10. Juni dauernde Schau in Pforzheim soll sie nach Hamburg zur Triennale der Fotografie wandern.

Die große Resonanz habe für die Studenten durchaus „einen Lerneffekt“ – auch weil das Projekt im Internet sehr polarisierend, teils mit Hasskommentaren aufgenommen werde. „Das zeigt eben den gesellschaftlichen Spiegel und wie brisant das Thema ist“, sagt Uli Kaufmann, einer der Fotografen. Seine Serie handelt vom täglichen Leben in England, den Facetten und Kontrasten. „Der Alltag besitzt die Arroganz, einfach weiterzulaufen – ungeachtet der politischen Veränderungen“, sagt er.

Die Unter-18-Jährigen porträtiert Anna Szkoda. „Sie hatten keine Wahl. Über ihre Köpfe hinweg wurde der Brexit entschieden. Die Älteren diktierten die Bedingungen der Zukunft jener Generation, die am längsten mit den Konsequenzen des EU-Austritts leben muss“, betont sie. Der Stimmung an den Hochschulen spürt Annemie Martin nach, dort stimmten 80 Prozent gegen den EU-Ausstieg. „Ich wurde überrascht von der Diversität an Stellungnahmen und Befindlichkeiten“, sagt sie. Einfühlsam begegnet Bastian Thiery jungen Briten und zeichnet ein subjektives Bild ihrer Welt.

Zerstreuung und Zerfall

Anders ist die Atmosphäre in der einstigen Kohlearbeiterstadt Wigan, die in der Metropolregion Manchester die meisten „Leave“-Wähler zählt. Hier hat sich Sebastian Wells umgesehen – auf den Spuren George Orwells, der 1936 ins industriell geprägte Nordengland fuhr, um sich ein Bild von der Arbeiterklasse zu machen. Miguel Brusch trifft im Küstenort Blackpool auf Bewohner, die sich zwischen Spaßindustrie und Zerfall bewegen. Um Menschen in strukturschwachen Regionen mit Kultur-, Forschungs- und Sporteinrichtungen zu versorgen, wurden seit 1973 von der EU diverse Projekte gefördert. Lars Bösch hat die dazugehörigen Gebäude festgehalten. „Nach dem Brexit wird es das wohl nicht mehr geben.“