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Auch das Werk „Paris, Montparnasse“ aus dem Jahr 1993 ist in der Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen. Deck
Auch das Werk „Paris, Montparnasse“ aus dem Jahr 1993 ist in der Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen. Deck
12.11.2015

Fotografien der Unmöglichkeit: Claudia Baumbusch stellt im PZ-Forum Andreas Gursky vor

Pforzheim. Andreas Gurskys Bilder sind unmöglich. Was seine Kamera einfängt, hat kein Auge je gesehen. Von ganz weit weg und ungeheuer oben scheint er seine Motive zu fixieren. Das wirkt so präzise, fast technisch – aber ist so gleichzeitig nie geschehen.

So wie auf dem Bild „Paris, Montparnasse“, mit dem Gursky in den frühen 1990er-Jahren die große Fotografen-Bühne betritt. Da nimmt ein endlos wirkender Wohnblock die gesamte Bildbreite von über vier Metern ein – und tritt man nah heran, kann man in die Zimmer schauen. Realer geht es nicht? Weit gefehlt.

Blick in jedes Zimmer

Kein Mensch kann so frontal vor einem Gebäude stehen, das fast 400 Meter misst und dabei noch jeden Fenstervorhang sehen. Gursky hat nachgeholfen. Er hat zwei Fotografien zu einer gefügt, hat mit den Farben gespielt – hat mit fotografischem Rohmaterial ein Gemälde gemalt. Das macht seine Werke so besonders. So besonders, dass das Baden-Badener Burda-Museum ihm noch bis Januar eine umfassende Ausstellung widmet, in die Claudia Baumbusch im PZ-Forum lebhaft eingeführt hat. Gurskys Werk als Fotograf ist nur denkbar in unserer Zeit – und hält ihr gleichzeitig den Spiegel vor. Seine Abzüge sind groß wie Schlachtengemälde; darinnen wuselt es vor Menschen. Aber zufällig ist nichts an seinen Werken. Wenn er ein Konzert seiner Freundin Madonna einfängt, gestaltet er das Bild als Puzzle, nimmt von diesem Augenblick die jubelnde Masse – und von einem anderen die Lichtblitze der Bühnenshow. Gursky komponiert.

Das alles geht nicht ohne die digitale Fotografie, ohne die Brillanz hochpräziser Objektive – und nicht ohne die nachträgliche Bearbeitung am Computer. Aber um etwas zusammenfügen zu können, braucht es das Ausgangsmaterial – und zwar viel davon. Mit bohrendem Fleiß taucht Gursky am Aufnahmeort auf, sucht sich die besonderen Blickwinkel, geht auf Distanz zu seinem Motiv – und drückt ab. Da muss alles stimmen, das Licht, der Wind, das Wetter. Wie bei seinem bisher kommerziell erfolgreichsten Bild: „Rhein II“, das vor rund vier Jahren für über drei Millionen Euro versteigert wurde – und damit kurzzeitig zur teuersten Fotografie der Welt. Gursky, der in Düsseldorf lebt, joggt jeden Morgen am Rhein entlang, ist fasziniert vom rauen Wellenspiel, vom kräuselnden Wind. Am nächsten Tag ist er wieder da – aber der Wind hat gedreht. Kein Wellenspiel und auch kein Kräuseln sind zu sehen. Immer wieder kommt er zurück, bis er die richtige Stimmung findet. Der Rest ist Arbeit im Atelier. Dort, wo sich auf seinem Bild der Fluss einsam durch das Gras schneidet, thront in Wirklichkeit ein gluckerndes Gas-Kraftwerk. Gursky schneidet es weg, setzt eine endlose Wand aus Himmel darüber. Was übrig bleibt, ist ein Foto, über das man staunt und sich fragt: Kann das wahr und wirklich sein? Es ist ein bisschen gelogen, weil es so ganz nüchtern wirkt und objektiv. Als ob es bloß abbilde, was sowieso schon ist – was so aber eben doch nicht ist. Und es ist ein bisschen wahr, weil gerade die Bearbeitung, das Schneiden und Zusammenfügen erst die einzelnen Augenblicke zu einer Aussage konzentriert. Das geht nicht mit den Augen – das geht nur mit Fotografie.