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13.05.2015

Frauen in der elektronischen Musik - Mehr als die Freundin des DJs

In Clubs und auf Festivals auflegen, das sollten Frauen wie Männer können. Dennoch dominieren Männer die Veranstaltungen. Frauen müssen mit dem Vorurteil kämpfen, sie könnten nicht mit Technik umgehen.

Ein Mischpult, ein Regal mit ein paar Platten und ein Sofa - damit ist der Dachgeschossraum im Leipziger Kulturzentrum «Conne Island» auch schon voll. «Neele» und «Buzy A» proben hier ihre DJ-Sets. An den Wänden kleben Plakate mit dem Line-up vergangener Clubnächte. Frauennamen tauchen dort selten auf.

«Neele» und «Buzy A», die mit bürgerlichem Namen Juliane Schulz und Anne-Kathrin Bergner heißen, wollen das ändern. Vor eineinhalb Jahren haben sie dafür den Probenraum eingerichtet - extra für Frauen. «Es ging uns ziemlich auf den Keks, dass wir fast die einzigen Frauen in der Stadt waren, die aufgelegt haben», sagt «Neele».

Eine Umfrage bestätigt den Eindruck der beiden Leipzigerinnen. «female pressure» - ein internationales Netzwerk für Frauen aus dem Bereich der elektronischen Musik - hat sich 2014 zum zweiten Mal einen Monat lang die Line-ups von fünf Berliner Clubs und sieben deutschen Festivals angeschaut. Das Ergebnis: In den Clubs machten die Auftritte von Frauen nur etwa 10 Prozent aus. Auf den Festivals waren es knapp 13 Prozent.

Dabei gebe es sehr viele Frauen, die elektronische Musik machen, sagt die Musikwissenschaftlerin Stefanie Alisch von der Universität Oldenburg. Sie würden nur nicht gebucht. «Gigs werden über informelle Netzwerke in Hinterzimmern verteilt, die Frauen häufig verschlossen bleiben», sagt sie.

Die Frauen, das seien die Freundinnen der DJs, sagt «Neele». Solange sie die Platten nicht auch tatsächlich anfasse, nehme das Publikum nicht wahr, dass sie diejenige sei, die auflegt. Regelmäßig falle der gut gemeinte Satz: «Boah, das war total geil - obwohl eine Frau aufgelegt hat.»

In der Gesellschaft herrsche die sehr dominante Vorstellung vor, dass Frauen sich nicht für Technik interessierten und damit nicht umgehen könnten, sagt die Wiener Musiksoziologin Rosa Reitsamer. Das sei natürlich hinderlich für Künstlerinnen, die in einem technikaffinen Genre wie der elektronischen Musik arbeiteten.

«Dabei ist ein Mixer wirklich nicht schwer zu bedienen», sagt «Neele». Im «Conne Island» bieten sie DJ-Workshops an, in denen sie Frauen die technischen Basics erklären. Ein Raum wie der in Leipzig gebe Frauen die Freiheit, auch mal rumzuspinnen, sagt Musikwissenschaftlerin Alisch. Bergner findet, wichtig sei auch, seinen Namen immer wieder fallen zu lassen, und zeigt auf ihr Basecap: ihr Künstlername «Buzy A» ist vorne draufgestickt.

Dass die Arbeitszeiten eines DJs für Frauen ein größeres Problem als für Männer sind, denkt die 29-Jährige nicht. Für sie ist es keines, obwohl sie seit einem Jahr Mutter ist. Damit sie um sieben Uhr wieder aufstehen kann, spielt «Buzy A» im Moment am liebsten zwischen Mitternacht und zwei Uhr. Etwa zweimal im Monat hat sie einen Auftritt. Für sie ist das Auflegen ein Hobby. Für «Neele» ist es mehr. An drei von vier Wochenenden legt die 26-Jährige vor 200 bis 1000 Leuten auf - überregional.

Seit es den Probenraum gibt, habe sich die Situation in Leipzig etwas verbessert, sagt «Neele». Frauen würden häufiger nicht mehr nur als Support-Act gebucht. Susanne Kirchmayr, die 1998 «female pressure» gründete und unter dem Namen «Electric Indigo» auflegt, beobachtet außerdem, dass vor allem die Zahl der Musikproduzentinnen stark gewachsen sei.

Auch Fotos sollen etwas ändern: Auf einem Blog sammelt «female pressure» Bilder von Frauen am Mischpult. Es ist eine Reaktion auf ein Interview des amerikanischen Online-Magazins «Pitchfork» mit der Musikerin Björk. Es gebe zu wenig Bilder von Frauen bei der Studioarbeit, hatte diese dort kritisiert. Die Fotos sollten klar machen: «Wir stehen nicht hinter dem Mischpult, um schick auszusehen», sagt «Buzy A». «Wir wollen gebucht werden, weil wir gute Musik machen.»