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Hat die Skandale hinter sich gelassen. Helene Hegemann (26). Foto: dpa/Kaiser
Hat die Skandale hinter sich gelassen. Helene Hegemann (26). Foto: dpa/Kaiser
03.09.2018

Freie Radikale: Helene Hegemann liefert Literatur im Schleudergang

Berlin. Ein Buch von Helene Hegemann kann sich anfühlen, als ob man einem Bus hinterherrennt. Ihr Roman „Bungalow“ beginnt mit einer Szene, in der Erzählerin Charlie (17) beim Sex auf der Waschmaschine liegt und ihren Liebhaber würgt, bis er ohnmächtig wird.

Ähnlich atemlos geht das Buch weiter. Literatur im Schleudergang, mit der Hegemann (26) es in die Vorauswahl für den Deutschen Buchpreis geschafft hat.

Der Plagiatsskandal rückt so immer weiter nach hinten in ihrem Lebenslauf. Vielleicht wird er irgendwann nur noch eine Randnotiz sein. Rückblick: 2010, da war Hegemann 17 Jahre alt, erschien „Axolotl Roadkill“. Sex, Drogen, Techno: Alle Welt sprach über das Buch der Tochter des ehemaligen Berliner Volksbühnen-Chefdramaturgen Carl Hegemann. Dann kam heraus: Sie hatte Passagen aus einem anderen Roman übernommen. Kopieren als Stilmittel oder Plagiat? Hegemann wurde gehypt und geschmäht. Sie hat sich davon freigeschrieben und -gefilmt.

Ihr neues Buch verbindet zwei Welten: Es spielt in einem Weltkulturerbe-Viertel mit schicken Bungalows, die inmitten von ärmlichen Mietskasernen stehen. Charlie lebt dort mit ihrer kettenrauchenden und trinkenden Mutter. Diese kommentiert vom Balkon aus die Bungalow-Oberschicht wie Szenen aus englischen Melodramen: „Mary, bereiten Sie doch bitte das Gartenzimmer vor und lassen Sie noch ein paar Fasane schießen!“ Es passieren viele merkwürdige Dinge im Buch. Es gibt apokalyptische Szenen wie tote Tiere und Menschen, die auf schreckliche Weise ums Leben kommen. Es geht um Freundschaften, Jugend, Nachbarn, Schule, Armut, Gewalt, Sucht und Tod. Also um ganz schön viel.

Am besten ist das Buch, wenn es den Schmerz beim Heranwachsen in einer kaputten Familie schildert. Hegemann fängt das Sich-alleine-Fühlen in einer kaputten Welt ein. Man kann ihre Bücher anstrengend finden, aber ihr Talent muss sie nicht mehr beweisen.