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Eleganten, melancholischen Pop macht Lorde (22) aus Auckland/Neuseeland – ihr Album „Melodrama“ kam 2017 auf Platz 1 der US-Charts.  Foto: Gollnow 
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Billie Eilish stellt mit ihrem Debüt die Musikwelt auf den Kopf.  Foto: Pedersen 
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Spielt toll Gitarre: die in Wendlingen geborene Ilgen-Nur. 

Frischzellenkur für Rock und Pop - Auch im Musikgeschäft werden Forderungen nach Chancengleicheit lauter

Hamburg. Branchentreff, Business-Plattform, Fachkonferenz, Livemusik-Magnet mitten in Hamburg: Das Reeperbahn-Festival will längst mehr sein als nur eine spätsommerliche Pop-Sause. Noch bis Samstag gehen die Macher von Europas größtem Club-Festival daher mit einem gesellschaftlichen Topthema in die Offensive – dem „Keychange“-Programm zur Gleichstellung der Geschlechter in der Musik, das bis 2022 ein ausgewogenes 50-Prozent-Ziel erreichen will.

„Die Musikbranche sieht sich als Ort gelebter Vielfalt und Motor für zeitgemäße gesellschaftliche Veränderungen. In ihren Strukturen bildet sich das aber längst nicht ab“, betont der Festival-Gründer und -Geschäftsführer Alex Schulz. „Weibliche, trans- und non-binäre Künstler*innen haben weniger Auftrittsmöglichkeiten, Airplay und vor allem Entwicklungsmöglichkeiten als männliche. Sie verdienen weniger und bekommen schwieriger Jobs in der Musikbranche.“

Auch in Deutschland wird die männliche Dominanz etwa bei Popfestivals kritisiert – zum Beispiel auch beim Straubenhardter „Happiness“. Laut „Keychange“ sieht es mit der Gender-Gerechtigkeit insgesamt trist aus. So waren auf US-Festivalbühnen im Vorjahr 76 Prozent der Musiker männlich – nur 14 Prozent weiblich, zwölf Prozent geschlechtlich divers. Unter den Produzenten der 600 populärsten Lieder waren nur zwei Prozent Frauen oder divers. Bei den registrierten Songwritern sind 84 Prozent männlich. Und neun von zehn Grammy-Nominierten zwischen 2012 und 2018 waren Männer.

Eine Quote auf Zeit

Im krassen Widerspruch dazu steht die Wertschätzung, die Frauen im aktuellen Pop, Rock, Soul und Hip-Hop von Musikkritikern erfahren. So hob der Berliner Experte Jens Balzer in seinem Buch „Pop: Ein Panorama der Gegenwart“ (2016) die Bedeutung von Rihanna oder Beyoncé für den Zeitgeist hervor, aber auch die Vorreiterinnenrolle von Avantgarde-Ikonen wie Julia Holter. Immer mehr junge, mutige, oft der LGBTQ-Szene (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transgender, Queer) angehörige Frauen leben ihre Kreativität in der Musik aus. In Deutschland gibt es Hoffnungsträgerinnen wie das Frauen-Duo „Gurr“. Mit ihrem Album „Power Nap“ begeistert Ilgen-Nur. Die bei Stuttgart geborene, jetzt in Berlin lebende Ilgen-Nur Borali (23) spielt toll Gitarre und hat eine beeindruckende Stimme. Zum Thema Gender-Balance sagte die Singer-Songwriterin mit türkischen Wurzeln: „Deutschland braucht halt noch zehn Jahre länger. Aber ich bin hier und versuch’s.“

Die virtuose Gitarristin Anna Calvi (38) aus London verzückt Kritiker und Fans. So einflussreich könnte auch Marika Hackman (27) werden, die auf „Any Human Friend“ in schönen Popsongs explizit über lesbische Liebe und Sex singt. Charli XCX (27) ist bisher vor allem als Hit-Schreiberin für andere, oft weibliche Stars hervorgetreten. Sie will nun selbst den Sprung in die erste Reihe schaffen – ebenso wie Freya Ridings (25).

In den USA ist die weltweit gefeierte Singer-Songwriterin Billie Eilish (17) zu nennen. Direkt dahinter Annie Clark (36) alias St. Vincent: Die vielseitige Sängerin, Gitarristin und Produzentin war mehrfach für Grammys nominiert und gewann die Trophäe 2019 in der Kategorie „Bester Rocksong“. Die wohl wichtigste Frau der Indierock-Szene Australiens ist Courtney Barnett (30) aus Sydney: selbstbewusste Gitarristin, lässige Sängerin, Vorbild für viele Musikerinnen. Eleganten, melancholischen Pop macht Lorde (22) aus Auckland/Neuseeland. So viel Begabung, so viel Klasse – und doch nur zweite Geige hinter den Herren? Reeperbahn-Festivalchef Alex Schulz fordert deswegen schon länger eine zeitlich begrenzte Frauenquote etwa für Airplay und Konzertspielpläne. Er begründet das so: „Musikalisches Talent ist gleich verteilt auf Frauen und Männer, aber viele gleich gute Beiträge von weiblichen Künstlerinnen erreichen niemals die Öffentlichkeit.“ Eine Quote auf Zeit erzeuge „eine qualitativ hochwertigere und eine geschlechtlich ausgeglichene Generation“ in der Musik, und sie verändere die Hörgewohnheiten der Fans.