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Hochvirtuoses Spiel: „Echo“-Preisträgerin Tianwa Yang begeisterte im Alten Pfarrsaal.   Keller
Hochvirtuoses Spiel: „Echo“-Preisträgerin Tianwa Yang begeisterte im Alten Pfarrsaal. Keller
04.12.2015

Geigenspiel der Spitzenklasse: Tianwa Yang gastiert in Nöttingen

Remchingen. Sie ist 2015 als „Instrumentalistin des Jahres“ mit dem „Echo“-Klassik ausgezeichnet worden. Zu Recht. Denn Tianwa Yang hat die Violinen-Sonaten des 1931 verstorbenen belgischen Komponisten Eugène Ysaÿe (1858–1931) eingespielt und dabei Virtuosität und musikalischen Ausdruck souverän gemischt.

Ihre Interpretation hat weltweit Maßstäbe im solistischen Geigenspiel gesetzt. Am Mittwochabend gab die aus Peking stammende Tianwa Yang nun im Alten Pfarrsaal Nöttingen einen Solo-Abend. Sie umrahmte zwei der Ysaÿe-Sonaten mit zwei Partiten von Johann Sebastian Bach.

Ausverkauftes Gastspiel

Natürlich ausverkauft! Ende Oktober hatte Tianwa Yang in Karlsruhe mit der Badischen Staatskapelle beeindruckt, und daraufhin wurde Petra Jahn, Gastgeberin des Alten Pfarrsaals, mit Vorbestellungen überrannt. „Schön schaut’s aus, wenn es so voll ist“, begrüßte Petra Jahn herzlich.

Tianwa Yang begann mit Bachs Partita III in E-Dur, startete gewissermaßen durch. Dieses Preludio war energisch, kraftvoll, schnell und mit viel Klangvolumen gespielt. Kurz zuvor war im Alten Pfarrsaal noch gemütlich gemurmelt worden, und die Holzdielen hatten geknarrt. Jetzt, mit der Musik dieser Geigerin, die ganz in Schwarz vorne stand und ihren Bach präsentierte, waren alle baff. Tianwa Yangs Geigenspiel konfrontierte die Hörer mit einer Sinnfrage: Warum muss man ausgerechnet in diese barocke Gradlinigkeit Bachs so viel Power reinstecken? Ohne Zweifel: Yang kann das virtuos.

Und bei ihr hält Bach diesen Kraftakt aus. Tianwa Yang hat eine perfekte Bogentechnik.

Sie lässt etwa in der Bogenmitte kurze, schnelle Töne wie von selbst hüpfen, wohl landet der Bogen dabei aber stets weich, so dass trotz abgehackter Tonfolgen ein rundes, geschmeidiges Klangbild entsteht. Das hört sich klasse an, ist aber von einer herzenswarmen Bach-Interpretation weit entfernt. Dass es der Künstlerin darum überhaupt nicht geht, wurde spätestens klar, als Tianwa Yang Eugène Ysaÿe spielte.

Bach-Zitate verwendet

In der Sonate Nr. 2 hat der Komponist direkte musikalische Zitate aus der Bach-Partita verwendet, hat Bruchstücke davon aneinander und ineinander geschoben. Die Geige verliert sich dabei mitunter in schnellen Läufen der linken Hand, wie in Etüden, dazwischen schieben sich Dissonanzen, schräge Töne. Die Geige bricht abrupt ab, setzt wieder an, orientiert sich. So klang für Ysaÿe die Musik Bachs logisch weitergedacht in die Moderne, in der bestens ausgebildete Geiger musizieren in einer Welt, die – im Nachgang des Ersten Weltkriegs – unsicher und zerbrechlich war.

Tianwa Yang hat das verinnerlicht. Besonders beeindruckend war die Interpretation der Sonate Nr. 5. Dass die Geigerin mit ihrem nuancenreichen Spiel auch den zarten, behutsamen Bach geben kann, war mit der Partita II d-Moll zum Konzertende zu hören.

Sie kann auch sanfter. Aber erst nach der Katharsis durch Ysaÿe. Ein großartiges Konzert.