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Selten ist das Ensemble mit so vielen Musikern zu erleben: Zum 500. Jahrestag der Reformation spielt das Bachorchester in der Stadtkirche die Reformationssinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy mit der Violinistin Hanlin Liang.
Selten ist das Ensemble mit so vielen Musikern zu erleben: Zum 500. Jahrestag der Reformation spielt das Bachorchester in der Stadtkirche die Reformationssinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy mit der Violinistin Hanlin Liang.
02.11.2017

Gespür für magische Momente: Bachorchester spielt zu seinem 50. Geburtstag in großer Besetzung

Wenn auch für den Konzertsaal komponiert – in der Kirche entfaltet die derzeit viel gespielte Reformationssinfonie eine besondere Wirkung.

Und das liegt nicht nur an den Variationen von Luthers Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ im letzten Satz. Felix Mendelssohn Bartholdy verfasste das Werk 1830 anlässlich der 300-Jahr-Feier des Augsburger Bekenntnisses unter dem ursprünglichen Titel „Symphonie zur Feier der Kirchen-Revolution“ – und landete damit zu Lebzeiten einen Flop. Erst 20 Jahre nach seinem Tod wurde die eigentlich zweite Sinfonie als fünfte op. 107 gedruckt. Heute gilt sie als musikalisches Denkmal und Glaubensbekenntnis eines getauften Protestanten aus jüdischer Familie.

Wie schon die h-Moll-Messe am Sonntag (siehe Artikel links unten) stößt das Jubiläumskonzert am Reformationstag auf großes Interesse. Die Besucher stehen Schlange vor der evangelischen Stadtkirche. Denn gefeiert werden nicht nur 500 Jahre Reformation, sondern auch 50 Jahre Bachorchester mit ehemaligen Musikern sowie der langjährigen Konzertmeisterin Hildegard Kittel unter den Zuschauern. „Sie hat Generationen von Musikern geprägt“, sagt Heike Hastedt und bezeichnet das Bachorchester als „Lebensader des Kantorats“.

Selten ist das Ensemble in solch großer Besetzung zu erleben: 55 Musiker, davon 37 Streicher mit Wolfgang Wahl vom SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg als Konzertmeister anstelle des verhinderten Gerd-Uwe Klein, wirken mit – auch Mitglieder der Badischen Philharmonie und des Südwestdeutschen Kammerorchesters.

Zu Beginn gilt der taiwanesischen Geigerin Hanlin Liang die Aufmerksamkeit. Rücken an Rücken steht die Solistin mit der Dirigentin bei Mozarts Violinkonzert A-Dur, KV 219, was zunächst den Eindruck erweckt, als suche Liang den Kontakt nach hinten. Auffallend ist ihre große Ruhe und Seriosität, mit der sie die Melodiebögen im Adagio und die Solo-Kadenzen in allen drei Sätzen angeht. Doppelgriffe und filigrane Verzierungen meistert sie ebenso wie gefühlvolle Passagen. Das tänzerische Finale mit seinen teils folkloristischen Zügen überzeugt.

Für die überwiegenden Laien im Orchester muss vor allem die „Reformationssinfonie“ eine Herausforderung sein, handelt es sich doch um ein technisch anspruchsvolles Stück. Strukturiert, wenn auch im Tempo nicht immer einheitlich und langsamer als in anderen Interpretationen, gelingt dem Klangkörper eine konzentrierte Darbietung. Das Besondere: Dirigentin Heike Hastedt hat ein Gespür für magische Momente. Einer davon ist das von den hohen Streichern zitierte „Dresdner Amen“ im einleitenden Andante, das im Gotteshaus für Gänsehaut sorgt. Das folgende Allegro con fuoco, das Mendelssohn als „dickes Tier mit Borsten“ bezeichnete, fällt durch die Wucht der Blechbläser und Pauken kraftvoll und energisch aus. Vor allem der zweite Satz bleibt in seiner feierlich gehaltenen Beschwingtheit in Erinnerung. Das gesetzte Tempo entspricht weniger dem „Allegro vivace“; umso stärker der eingängige Dreivierteltakt und die lyrischen Holzbläsermelodien.

Der nachdenkliche, von den Violinen tonangebende dritte Satz geht über in die Choralmelodie von „Ein feste Burg“, die zunächst von der Flöte vorgetragen wird. Erneut Gänsehaut. Mit zunehmender Dynamik leitet das Orchester das Finale ein, lässt die bekannte Luthermelodie in den Celli, Bläsern und zuletzt noch einmal in ganzer Tuttipracht erstrahlen. Der Applaus hätte angesichts dieser soliden Leistung und des 50. Geburtstages etwas jubelfreudiger ausfallen können.