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Besonders die Passagen des langsamen Satzes gelingen der Kölner Pianistin Olga Scheps beim zweiten Klavierkonzert von Frédéric Chopin. Fotos: Seibel
Besonders die Passagen des langsamen Satzes gelingen der Kölner Pianistin Olga Scheps beim zweiten Klavierkonzert von Frédéric Chopin. Fotos: Seibel
08.11.2016

Gipfeltreffen der Virtuosen - Badische Philharmonie Pforzheim startet in die neue Konzertsaison

Wer sich in die großen Werke der europäischen Musik hineinhört, stellt sich wie von selbst die Frage: Ist Komponieren bloße Handwerkskunst? Kann man das lernen – geistreich und schön noch dazu? Oder gibt es da die freie Inspiration, die aus dem Genie strömt wie von selbst?

Die Antwort liegt wohl wie so oft dazwischen. Dass es aber Werke gibt, die mehr auf die eine oder andere Seite ausschlagen, zeigt sich beim ersten Sinfoniekonzert der Badischen Philharmonie.

Unter dem Titel „Goldstadtzirkel weltberühmter Pianisten“ ist es Tradition, profilierte Pianisten nach Pforzheim einzuladen. Die großen Namen sollen locken, vielleicht auch den, der sonst nicht regelmäßig kommt. Dieses Gedankenspiel geht auf.

Die Kombination stimmt

Die Kölner Pianistin Olga Scheps (30) füllt das CongressCentrum Pforzheim (CCP). Der erste Konzertteil gehört ihr – und dem Komponisten Frédéric Chopin. Eine lohnende Kombination. Denn in seiner Musik ist etwas, das Scheps entgegenkommt. Hier scheint Inspiration ganz über das Handwerk gewonnen zu haben.

Im ersten Satz versucht Chopin sich noch an der durchgearbeiteten Form, will Motive verflechten und Gedankengebäude zimmern – doch so richtig packen will das nicht. Ganz anders der zweite Satz. Aus schnell ist langsam geworden, das willensstarke Motiv ist vergessen, im pianissimo setzt das Orchester ein.

Dem Klavier zieht die Badische Philharmonie den Vorhang auf. In die Ruhe hinein tastet sich Scheps vor, durcheilt den gesamten Tonraum des Pianos in einer Geste von romantischer Weite. Hier regieren Triller und die rhythmische Freiheit, auch die dahingetupften Läufe, die der Virtuose Chopin der Virtuosin Scheps zum Beeindrucken hinkomponiert hat. Das macht die Zeit vergessen und schließt einen Raum auf, in dem es sich schwerelos fortbewegt. Auch das folgende Allegro vivace zeigt: Chopin ist jemand, dem solche Einfälle von zwingender Eleganz wohl einfach zufliegen – ihm, dem 19-jährigen Ausdrucksmagier, der kurz davor ist, von Polen aus in die Welt aufzubrechen. Scheps stellt sich gut an, forscht der Spontaneität, den Stimmungsbildern der Partitur nach, ist auch der virtuosen Verve gewachsen – und zeigt, dass es noch rasanter geht. Die Zugabe: fulminant.

So ganz bekannt scheinen die ersten Takte zu sein: Türkischer Marsch, Mozart. Ist das ernst gemeint? Diesen Musikschulklassiker als Zugabe? So halb. Innerhalb von Sekunden offenbart sich: Scheps spielt eine Paraphrase von Arcadi Volodos – nicht das Original. Aus nett wird bombastisch. Schiefe Basstöne, elegant eingewoben in den Lauf des Stücks – und immer wieder: der virtuose Ausbruch in Skalen und Akkordsalven. Der Saal bricht in Begeisterung aus. Scheps legt das Leise nach: Saties zweite Gymnopédie, der Zwilling der viel bekannteren ersten. Ein farbenreiches, rhapsodisches Werk, dessen Ende leider durchs Publikum verhustet wird.

Intellektuelles Grübelwerk

Nach der Pause steht Johannes Brahms an. Seine zweite Sinfonie zeigt die andere Seite der Medaille. Sie ist ein Vergnügen für den kundigen Hörer, ein Werk, das sich unzählige Male zu hören lohnt – und dabei immer wieder eine neue geistreiche Wendung zu finden. Brahms hat ein intellektuelles Grübelwerk vorgelegt, hier ist nichts spontan oder eingegeben – sondern alles durchdacht vom Großen bis zum Kleinen. Wer geniale Melodieeinfälle sucht, die er auf dem Heimweg vor sich herpfeifen kann, wird sie hier nicht finden.

Stattdessen schon im ersten Satz eine verinnerlichte Studie, in der der Komponist die Motive auf eine so verschlungene Reise schickt, dass es eine Freude ist, ihm ins Dickicht zu folgen. Das alles bringt die Badische Philharmonie unter Generalmusikdirektor Markus Huber durchdacht zum Klingen, im ersten Teil mit Chopin durfte sie ja beinahe nur Akkordgeber sein. An einzelnen Stellen fehlt es da zwar an Präzision, auch an Führungswillen der Geigen; im Ganzen zeigt Pforzheims Orchester aber einen lohnenden Brahms. Der Abend endet mit viel Applaus – und keiner Zugabe.