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Eine Legende: Gitarrist und Sänger David Gilmour.  Schmidt
Eine Legende: Gitarrist und Sänger David Gilmour. Schmidt
15.07.2016

Gitarren-Magier David Gilmour bei den Jazzopen in Stuttgart

„Gänsehaut pur“ – abgedroschener könnte man es kaum formulieren, was an diesem sonnig-kalten Abend in Stuttgart mit dem Körper passiert. Eher sind es die kleinen, feinen Härchen an den Unterarmen, die sich wohlig aufrichten. Sind es die Töne, die sich vom Ohr direkt ins Herz schmeicheln. Denn was dieser Mann mit weißen Haaren mit den Zuhörern macht, hat etwas Magisches. Geschmeidig und doch nicht unbedingt flink bewegen sich seine Finger auf den Gitarrensaiten. Doch was für ein Gefühl, welche Intensität, wenn er langsam die Saiten entlang der Bünde zieht, wenn er das Vibrato singen lässt.

David Gilmours erratisches Gitarrenspiel hat auch im Seniorenalter nichts an Faszination eingebüßt. Ist vielleicht noch reifer, tiefgründiger geworden. Nein, es ist kein Abgesang auf die großen Zeiten von Pink Floyd, den der 70-Jährige hier anstimmt. Es ist, als sei die Zeit stillgestanden. Als würden Songs wie das ironische „Money“ oder „Shine On You Crazy Diamond“ (gewidmet dem von schweren Psychosen heimgesuchten Syd Barrett) nie aus der Aktualität fallen. Gilmour ist mit brillanter Entourage in Stuttgart – neun exzellente Musiker und Sänger begleiten den Frontman. Bereiten den feinmaschigen, oft jazzigen Klangteppich für den großen alten Mann, der die alten Songs zelebriert und seine neuen voller Emphase lebt.

Insgesamt 14 Titel der – in sechs Minuten ausverkauften – Show stammen von den britischen Rock-Giganten, neun aus seinen Solo-Alben. Eingängig und schön sind Titelsong und „Faces of Stone“ vom aktuellen Album „Rattle That Lock“, mit denen Gilmour das dreistündige Konzert eröffnet. Doch es dauert, bis die rund 5700 Zuhörer im bestuhlten Schloss-Innenhof in Stimmung kommen. Der alte Hase Gilmour weiß das, setzt mit „Whish You Where Here“ und „Money“ den Publikumschor in Gang. Auch nach der Pause mischt er geschickt alt und neu, lässt dem elaborierten „Shine On You Crazy Diamond“, „Fat Old Sun“ und „Coming Back to Life“ den Song „On An Island“ aus seinem dritten Solo-Album und das jazzige „The Girl in the Yellow Dress“ aus „Rattle That Lock“ folgen.

Hatten bislang die surrealen Filmeinspielungen auf der runden Pink-Floyd-Scheibe für Abwechslung im dezenten Schwarz gesorgt, so wird es zum Schluss auch optisch fulminant: Wie eine Aureole breiten sich die Laserstrahlen von der Gitarre Gilmours aus. Und die schier endlos langen Soli von „Time“ und „Comfortably Numb“ verhallen im herbstlich anmutenden Nachthimmel. Klänge, die noch lange unter der Haut bleiben.