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Bei den Proben zum Weihnachtsoratorium mit dem Bachorchester und dem Oratorienchor setzt Heike Hastedt auf Textverständlichkeit. Foto: Ketterl
Bei den Proben zum Weihnachtsoratorium mit dem Bachorchester und dem Oratorienchor setzt Heike Hastedt auf Textverständlichkeit. Foto: Ketterl
09.12.2016

Glückt die Mitmach-Premiere des Oratorienchors in der Stadtkirche?

Pforzheim. Wer am Samstagabend die Pforzheimer Stadtkirche betritt, wird Zeuge eines Experiments. Erstmals gestaltet der Oratorienchor sein traditionsreiches Adventskonzert als sogenanntes Singalong. Zum Mitsingen sind an diesem Abend nicht nur die Chormitglieder berufen; auch andere Sänger können teilnehmen.

Weil so ein Experiment natürlich ein Wagnis ist, bietet sich ein Werk an, das wie kein anderes für Beständigkeit steht: Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium. Wie kommt es, dass der Chor in diesem Jahr erstmals auf solche Publikumsbeteiligung setzt? „Es gibt ja bei den großen Konzerten immer zwei Termine“, sagt Chorleiterin Heike Hastedt. So auch in diesem Jahr. Heute gibt es die ersten drei Kantaten des Oratoriums zum Mitsingen, morgen das komplette Werk in gewohnter Manier. „Wir wollten diese zwei Konzerte voneinander abgrenzen“, sagt Hastedt, „der Samstag soll zu etwas Besonderem werden“.

Vorbild Durlach

Dass das Konzept funktionieren kann, zeigt sich an der Stadtkirche Durlach, wo bereits der neunte Singalong stattgefunden hat. „Und weil wir hier in Pforzheim Premiere feiern, haben wir uns für ein Werk entschieden, das die meisten Sänger kennen.“ Und möglichst schon gesungen haben sollten. Denn bei aller Offenheit des Konzepts: Anständig mitsingen sollte man schon können – und eigene Noten mitbringen.

Die Trompeten fehlen

Damit die Chorsänger die Neulinge gut stützen können, haben sie intensiv geprobt – vor zwei Tagen zum Beispiel. Da gibt nach kurzem Einsingen Hastedt den Einsatz. Was klingt so ungewohnt am allseits bekannten Eingangschor „Jauchzet, frohlocket“? Es sind die Trompeten und Pauken. Sie fehlen. Das fällt bei diesem Satz besonders auf, der doch normalerweise die weihnachtliche Freude im blechernen Glanz zum Strahlen bringt. Um an den Gesangsstimmen zu arbeiten, aber braucht es die Trompeten nicht. „Ihr braucht viel mehr Blickkontakt und müsst aus den Noten herauskommen“, sagt Hastedt. So richtiges Jauchzen und Frohlocken schallt noch nicht durch die Stadtkirche. Die besondere Schwierigkeit?

Auch das Weihnachtsoratorium wird auf historischen Instrumenten musiziert – und in einer historischen Stimmung. So wird ein tiefer Ton eben noch ein bisschen tiefer. Da ist es keine einfache Sache, den Beginn des Satzes zu singen, der so bekannt ist. „Singt das bitte auswendig“, sagt Hastedt. Und „Jauchzet, frohlocket“ beginnt von vorn. Diesmal plastischer, freudiger – mancher Mund will erst jetzt so richtig aufgehen. Sprung in den nächsten Satz: „Wie soll ich dich empfangen?“. Hastedt legt jetzt Wert auf die Textverständlichkeit, auf den Umstand, dass die Musik eben auch Bedeutung trägt. „Das ist jetzt eine fast private Frage“, sagt Hastedt. Ähnlich beim Schlusschoral „Ach mein herzliebes Jesulein“.

„Dieses ,Ach‘ ist kein Klagelaut, sondern erfreut.“ Fröhlicher also soll es klingen – und durchdringender. Hastedt dreht sich um ins Kirchenschiff, zeigt auf das Ende der Reihen. „Das ,Jesulein‘ muss bis da hinten ankommen.“ Denn heute Abend wird die Kirche voll sein. Mit dem Chor, der diesmal verteilt sitzt in den Bänken, den stummen Zuschauern am Rand – und mitten unter ihnen die neu hinzugekommenen Sänger.