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Mehr gymnastische Übung als Liebesakt: Die junge Frau (Rebecca von Lipinski) und der junge Herr ( Sebastian Kohlhepp) mühen sich redlich ab. Schaefer
Mehr gymnastische Übung als Liebesakt: Die junge Frau (Rebecca von Lipinski) und der junge Herr ( Sebastian Kohlhepp) mühen sich redlich ab. Schaefer
02.05.2016

Großartig gesungen, hingebungsvoll gespielt: „Reigen“ in Stuttgart

Was reden wir vor und nach dem Sex? Banales, Belangloses, unangenehme Wahrheiten oder hingerissene Schmeicheleien? Die Begegnung von Liebenden ohne (gemeinsamen) Trauschein hat Artur Schnitzler in seine Skandalstück „Reigen“ von 1920 – das sofort auf den Index kam – belauscht.

Der belgische Philippe Boesmans hat daraus eine Oper gemacht, die nun an der Staatsoper Stuttgart zu erleben ist. Und ein Erlebnis ist diese Aufführung allemal: voll Humor und Tiefgang, mit staunenswertem Bühnenbild von Oliver Proske und einer nuancenreichen Regie von Nicola Hümpel.

Es sind aber neben dem großartigen Sängerensemble vor allem GMD Sylvain Cambreling, der schon die Uraufführung 1993 dirigierte, und das Staatsorchester Stuttgart, die feinsinnig die Partitur ausloten. Neben glutvollem Pathos und spielerischer Leichtigkeit sind die humorvoll-ironischen Anmerkungen Boesmans bei ihnen in besten Händen. Da ahmt die Posaune quäkend die verzerrte Telefonstimme des Ex-Lovers der Sängerin (Melanie Diener) nach, sirrende Streicher-Mücken irritieren den jungen Herrn (Sebastian Kohlhepp) beim Tête-à-Tête mit dem Stubenmädchen (Stine Marie Fischer), und da erblüht strahlend der Bach-Choral „Was Gott tut, das ist wohlgetan“, als seine verkrampften Liebesbemühungen mit der jungen Frau (Rebecca von Lipinski) auf dem gelben Sofa endlich in eine – durch ein verknotetes Kissen angedeutete – Erektion münden. Boesmans Musik kommentiert, was sich da an Liebesmüh und Liebesweh abspielt. Oft lakonisch, ist doch die Liebe ein scheinbar gefühlloses Ding. Etwa, wenn beim Cybersex am Laptop der eitle Dichter (Matthias Klink) debil grinsend zum Höhepunkt kommt, während das süße Mädel (Kora Pavelic) nur gelangweilt in die Kamera ihres Computers blickt.

Zwei Live-Cams blicken den zehn Akteuren bei ihren Bemühungen während der drei Stunden meist direkt ins Gesicht. Und zeichnen ein Bild zwischen Hilflosigkeit und Harschheit, mechanischem Akt und menschlichem Versagen. Wahre Gefühle, zärtliche Berührungen, das gibt es nur im Film – per Videoeinspielung eines sich tänzerisch einander zuwendenden Paares (Julla von Landsberg und Michael Shapira).

Denn die zehn mehr oder weniger erotischen Zusammentreffen von Mann und Frau, die wie in einem Reigen vom einen Partner zum nächsten tanzen, enden damit, dass es jeder plötzlich eilig hat wegzukommen, von derber Zurückweisung gekränkt wird oder einfach zum Normalfall Ehe zurückkehrt. Sei es die junge Frau, die im Ehebett schon mal den Namen ihres Gatten (Shigeo Ishino) mit dem ihres Liebhabers verwechselt, sei es der Soldat (Daniel Kluge), der sich nach dem Besuch der Dirne (Lauryna Bendziunaite) weigert, dem „Hausmeister“ etwas Geld dazulassen, sei es der Graf (André Morsch), der sich am nächsten Morgen schon gar nicht mehr daran erinnern kann oder will, jemals etwas mit der Dirne gehabt zu haben.

Begegnungen, die nach einem schnellen, auf die Videoleinwand übertragenen Selfie einfach weggewischt werden: Die nächste Suche nach Befriedigung kann beginnen.