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Die Bartning-Stahlkirche wurde 1928 in Köln für die „Pressa“-Ausstellung errichtet. Danach ging der Kirchenbausatz „kosten- und lastenfrei“ nach Essen, wo die Kirche 1942 zerstört wurde. Foto: Seibel/Frei/Schmölz/Arbeitsgemeinschaft Karlsruher Stadtbild
Otto Bartning um das Jahr 1930.
21.07.2017

Großartige Architekturgeschichte: Ausstellung würdigt Otto Bartning

Karlsruhe. Otto Bartning. Bei vielen Pforzheimern dürfte es klingeln, wenn sie diesen Namen lesen. Ja, der Architekt der ersten Notkirche Deutschlands, der Auferstehungskirche auf dem Rod. Und ja, der Gestalter des Saacke-Areals in der Innenstadt. Diese beiden Gebäude umreißen fast paradigmatisch die Rezeption seines Werks: Gehegt und gepflegt werden Bartnings Sakralbauten, häufig vom Abriss bedroht dagegen ist seine Profan-Architektur. Und: Obwohl Bartning, geboren 1883 in Karlsruhe, einer der prägenden Architekten des 20. Jahrhunderts war – zum großen Nachruhm reichte es nicht.

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Persönliches Archiv gesichtet

Das soll nun eine Ausstellung ändern, die an seinen wichtigen Lebens- und Arbeitsstationen gezeigt wird: in Berlin, Karlsruhe und Darmstadt. Dort verbrachte er die letzten acht Jahre seines Lebens und vermachte seinen persönlichen Nachlass der Technischen Universität. Der schlummerte nun rund ein halbes Jahrhundert, ehe Kuratorin Sandra Wagner-Conzelmann die Ausgrabungsarbeiten begann: „Es kam beinahe in Goldgräberstimmung auf“, sagt sie. Jetzt ist das Ergebnis ihrer Recherchen, ihres Sichtens und Ordnens von Bild- und Schriftmaterial in der Städtischen Galerie Karlsruhe zu sehen. In einer Ausstellung, die durch die ungeheuere Fülle von Beschriebenem, Bedrucktem, Gezeichnetem und Fotografiertem ein großes Maß an Geduld verlangt, um sich durch die Chronologie eines langen, bewegten Lebens hindurchzuarbeiten.

Denn Otto Bartning ist ein Schaffer, ein Anpacker, ein Netzwerker. Etwa im Jahr 1905: Da macht er ein Praktikum auf einer Baustelle in Berlin, um die handwerkliche Seite kennenzulernen, da studiert er gerade mal kurzfristig in Karlsruhe, und da hat er einen Bauauftrag für ein Privathaus in der Steiermark. Kein Wunder, dass er sein Studium nie abschließt, sondern baut, baut, baut. Bis 1913 die Friedenskirche in Peggau, die altlutherische Kirche in Essen, die Stadtpfarrkirche in Leibnitz, die Heilandskirche in Krems – alle viel mehr dem klassizistischen Stil Weinbrenners verpflichtet als dem aktuellen Jugendstil oder Historismus. 1922 dann der richtungsweisende Entwurf der expressionistischen Sternkirche, der nie realisiert wird. Doch Bartning revolutioniert weiter: Seine Stahlkirche wird 1928 in Köln gebaut, die Gustav-Adolf-Kirche 1934 in Berlin.

Viel im Ausland gebaut

Doch die Nationalsozialisten schränken diese Freiheiten sein, sorgen dafür, das Bartning mehr im Ausland als in seiner Heimat baut. Doch mit Kriegsende ist Bartning wieder zupackend und schnell: Zu den ersten Gebäuden, die gebaut werden, gehören Kirchen – seine Notkirchen. Von den Anwohnern aus Schuttmaterial selbst aufgebaut in einem Stahlrahmen, den Bartning liefert. Und so kommt es einer kleinen Sensation gleich, als die erste seiner Notkirchen eingeweiht wird – nur drei Jahre nach der verheerenden Zerstörung Pforzheims. Die Auferstehungskirche wird zum Vorbild für die weiteren 42 Notkirchen in Deutschland.

Mag sein Wirken als Kirchenbauer noch bekannt sein, sein Arbeit als „Architekt einer sozialen Moderne“, so der Titel der Ausstellung, ist es kaum. Dabei prägte er das Neue Bauen der Weimar Republik zusammen mit Walter Gropius entscheidend mit, entwickelte einen völlig neuen Siedlungsbau –voller Licht und Luft für die Bewohner, etwa in der Berliner Siemensstadt, die zum Unesco- Weltkulturerbe zählt.

Doch Bartning war nicht nur Macher, sondern auch Denker, Organisator. So wirkte er unter anderem im Deutschen Werkbund mit, war Mitbegründer der Architektenvereinigung „Der Ring“, ab 1950 Präsident des Bundes Deutscher Architekten und ab 1953 gesamtdeutscher Vertreter in der Union International des Architectes. Er reformierte die Architektenausbildung und hatte maßgeblichen Einfluss auf das Lehrprogramm am Bauhaus. Er leitete die Bauhochschule in Weimar, war Professor in Darmstadt und Chef der ersten internationalen Bauausstellung Interbau in Berlin.

Otto Bartnings Leben und Denken war stets vorwärtsgerichtet, auch in den Zeiten des Wiederaufbaus: „Jede Rekonstruktion ist eine museale Lüge“, beschied er. Ob er sich wohl eine Wiederauferstehung seiner zerstörten Gebäude gewünscht hätte?