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Einer von 126 Blickfängen in Balingen: „Frauen im Bade“ (1911). Foto: Maier
Einer von 126 Blickfängen in Balingen: „Frauen im Bade“ (1911). Foto: Maier
22.07.2016

Große Kunst in Balingen

Balingen. Große Kunst ist Metropolen vorbehalten und spricht überwiegend elitäre Kreise an. Dass dies ein Trugschluss ist, stellt Balingen einmal mehr unter Beweis. Die 34 000-Einwohner-Stadt im Zollernalbkreis zeigt derzeit eine Auswahl von 126 Werken Ernst Ludwig Kirchners (1880–1938) aus dem international renommierten Berliner „Brücke-Museum“, die selbst dort in dieser thematischen Dichte noch nie zu sehen war. Bestaunt wird die Schau „Modelle, Akte & Kokotten“ sicher wieder auch von Ausflüglern im luftig-leichten Sommerdress, zuweilen in Wander- oder Fahrradkluft – in der eigens zu diesem Anlass aufwendig umgestalteten Stadthalle.

Anfangs skeptisch, dann verblüfft und zusehends neidisch haben Museumsdirektoren und Galeristen die Entwicklung der Balinger Sommerausstellungen mitverfolgt. Das „Wunder von Balingen“ ist inzwischen in der Szene ein feststehender Begriff. Seit den 1980er-Jahren bringt die Stadt große Kunst in die schwäbische Provinz. Der damalige Stadthallengeschäftsführer Ulrich Klingler und Kurator Roland Doschka lockten allein mit einer Picasso-Schau 90 000 Besucher an. Gar 200 000 Kunstinteressierte wollten Monet in Balingen sehen. Insgesamt weit mehr als eine Million Besucher wurden seit 1981 gezählt.

Heute sind die Macher andere, und die Zahlen von früher werden längst nicht mehr erreicht. Dennoch ist die Zollernalb weiter eine Kunstreise wert. Die von der „Brücke“-Direktorin Magdalena Moeller und der künstlerischen Leiterin der Sommerausstellungen, Annette Vogel, kuratierte Kirchner-Schau gewährt intime Einblicke in die Welt seiner Frauen und Modelle. Die „Artistin Marcella“, die Kokotten „Im Cafégarten“ oder das selten zu sehende Gemälde „Frauen im Bade“ sind unter den ausgestellten expressionistischen Meisterwerken.

Das gesamte Schaffen des Künstlers von 1905 in Dresden bis zu seinem Freitod in Davos 1938 wird abgebildet. Einflüsse afrikanischer und ozeanischer Plastiken werden ebenso sichtbar wie jene indischer Tanzdarstellungen. Aquarelle, Holzschnitte, Lithografien sowie Bleistift-, Kohle- und Federzeichnungen dürften auch für manchen Kirchner-Kenner Neuentdeckungen sein. Gleiches gilt für die atmosphärischen Originalfotografien vom Nackt-Tanz im Wald der Davoser Bergwelt.

Weil der Balinger Kunstsommer für kollektives Lustwandeln steht, sind flankierend in der Zehntscheuer „Fotografische Verdichtungen“ von Wolf Nkole Helzle ausgestellt, in der Rathausgalerie Arbeiten auf Papier von Markus Lüpertz. Auch auf den Wegen dorthin ist Kunst ein steter Begleiter. Skulpturen und Plastiken, etwa von Jürgen Knubben und Klaus Prior bannen die Blicke, aber auch Street-Art auf Stromkästen – Ergebnisse des sozialen Kunstprojekts „Freundliches Balingen“.