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Emotionaler Moment: Udo Lindenberg nimmt seine Sonnenbrille ab und singt mit Berenike „Wozu sind Kriege da?“.  Foto: J. Vogel 

Gute Musik, aber auch politische Botschaften: Udo Lindenberg begeistert beim Hesse-Festival in Hirsau

Calw-Hirsau. Etwas schüchtern wirkt Berenike, als sie die Bühne in der Hirsauer Klosterruine betritt. Die Zehnjährige ist zum Hermann-Hesse-Festival gekommen, um eine starke Botschaft für den Frieden zu senden. Zusammen mit Udo Lindenberg singt sie „Wozu sind Kriege da?“ Ein Lied, das dieser 1981 mitten im Kalten Krieg veröffentlichte. In der dritten Strophe steigt Lindenberg ein, beugt sich zu Berenike hinunter und nimmt die Sonnenbrille ab. Es ist der mit Abstand emotionalste Moment beim diesjährigen Hesse-Festival.

Fast zwei Stunden lang treten in der Hirsauer Klosterruine die drei Panikpreisträger auf, bevor mit Einbruch der Dunkelheit Udo Lindenberg an der Reihe ist. Es dauert nicht lange, bis die Menge tobt, bis im Takt der Musik geklatscht wird, bis sich unzählige Hände in den tiefblauen Nachthimmel recken. Die Texte können die meisten auswendig.

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Zu hören gibt es einen Querschnitt durch Lindenbergs Werk, etwa „Mein Ding“, „Cello“, „Na und?!“ und „Bunte Republik Deutschland“. Mit seinen 76 Jahren wirkt er kein bisschen müde, kein bisschen eingerostet. Zwar erklärt er lächelnd: „Die Gazelle ist ein wenig eingeschränkt durch das Knie.“ Aber das kann ihn nicht vom Feiern abhalten, kann nicht verhindern, dass er über die Bühne tanzt, dass er sich auf Spiele mit der Band einlässt, dass er das Mikrofon locker am Kabel festhält und durch die Luft schleudert.

Zwischendurch tauscht er das schwarze Sakko gegen eine blaue Jacke, „weil das Auge ja auch mithört“. Lindenberg hat es immer noch voll drauf und sein Publikum bestens im Griff. Heute habe er das „intime Besteck“ dabei, erklärt er und lobt die drei „fantastischen Bands“, die vor ihm aufgetreten sind. Mit dem Dichter, der bei ihm der „kleine Hermann“ ist, kennt er sich ebenso gut aus wie mit dem Veranstaltungsort, der bei ihm „Bad Hirsau“ heißt. Lindenberg zeigt sich beeindruckt von der Atmosphäre, davon, „wie easy das hier geht“. Die Jahre ohne das Festival seien ihm vorgekommen „wie eine Ewigkeit“. Er macht Scherze, erzählt Geschichten und spricht immer wieder von der „ältesten Boyband“, von den „Toy Boys“, die mit ihm auf der Bühne stehen. Als er ein paar Lieder gespielt hat, hält er kurz inne: „Jetzt muss ich erst mal ’ne Runde gurgeln.“ Natürlich mit Eierlikör.

Lindenberg hat auch Botschaften im Gepäck: für mehr Toleranz, mehr Frieden und ein aktives Handeln in der Klimakrise. Nie spricht er darüber belehrend, sondern immer locker, mit Humor. „Wenn die Menschen nicht die Kriege beenden, beenden die Kriege die Menschheit“, sagt er und bekommt viel Applaus. Als er „Wir ziehen in den Frieden“ singt, gehen viele Hände nach oben. Später sagt er: „Resignieren kommt überhaupt nicht infrage für uns.“ Es wirkt wie eine Drohung. Aber wie eine, die Hoffnung macht.

Drei hochkarätige Bands

Groß ist die musikalische Bandbreite bei den drei Gewinnern des Panikpreises, der von der unter dem Dach der Sparkasse Pforzheim Calw befindlichen Udo Lindenberg Stiftung vergeben worden ist. Alle drei Sieger-Bands haben beim Hermann-Hesse-Festival einen kurzen Auftritt. Während die Lieder von Ronja Maltzahn wie farbenreiche Klanggemälde wirken, sich irgendwo zwischen Folk und Pop bewegen, steht bei „Von Welt“ klar die Lautstärke im Mittelpunkt. Was nicht bedeutet, dass nicht auch ihre Texte anspruchsvoll wären. Etwa der von „Vorkriegskinder. Die Musiker fordern das Publikum in Hirsau zum Mitsingen auf und finden dessen Reaktion „sehr geil“. Auch bei Mola wird kräftig mitgesungen. Die fünfköpfige Band präsentiert im Vergleich eher leichte Kost, die perfekt zu einem lauen Sommerabend passt, etwa „Vino Bianco“, „All“ oder „Schnee im Sommer“. Sängerin Isabella Streifeneder hat eine starke Stimme und viel Energie, um sich auf der Bühne zu verausgaben.