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Intervention in Pink: Aufgereiht stehen die Häuschen da, zur Abholung aufs Gleis gestellt, zu Füßen des Wachturms. Andreas Sarows neue Arbeit provoziert vielfältige Interpretationen. Foto: Ketterl
Intervention in Pink: Aufgereiht stehen die Häuschen da, zur Abholung aufs Gleis gestellt, zu Füßen des Wachturms. Andreas Sarows neue Arbeit provoziert vielfältige Interpretationen. Foto: Ketterl
Aktion auf Knopfdruck. Foto: privat
Aktion auf Knopfdruck. Foto: privat
11.05.2018

Häuser von der Stange: Andreas Sarow will Gedankenspiele anstoßen

Pforzheim. Andreas Sarow wählt mit Bedacht Unorte unserer Zeit und fordert damit den Betrachter seiner temporären Installationen zum Nachdenken auf. Nach dem Erfolg von „Das bedrohte Haus“ legt er jetzt im Gleisdreieck westlich des Pforzheimer Hauptbahnhofs nach, zwischen der Kulturbahnstrecke und entlang der viel befahrenen B10/B294: „Factory“ nennt der 43-jährige Diplom-Ingenieur mit Fachrichtung Architektur seine Intervention.

Dafür hat er zwei heruntergekommene und Grafitti-beschmierte ehemalige Abfertigungsgebäude der Bahn in Schwarz verfremdet, um ein drittes magentafarbiges Holzhaus ergänzt und zu einem neuen Ensemble zusammengefügt. Sarow und sein Team stellen die Arbeit heute fertig. Wie berichtet, unterstützt die Sparkasse Pforzheim Calw das Kunstprojekt finanziell.

Es ist Sarows Lieblingsthema, seit er im Jahr 2015 mit seinen Guerilla-Aktionen startete: die Art und Weise, „wie wir seit 100 Jahren bauen, mit Satteldach und vier Wänden“. Die „Factory“ will den Blick auf die gestalterische Misere lenken und soll dazu einladen, sich mit der Stadt und ihren Bauformen auseinanderzusetzen, sie neu zu denken. Auch mit der Installation „Zurück an die Zeichentische“ im Gebäude-Inneren: Vernichtet die Schablonen, um zu neuen Architekturformen zu kommen, scheinen Mies van der Rohe und Gropius den Entwerfern heute zuzurufen vor dem Hintergrund zahlreicher Bauverordnungen, die Innovationen schier unmöglich machen.

Wie vom Fließband scheint das schwarze Bestandsgebäude rosa Häuschen zu produzieren, Stück für Stück abgeschnitten von einer überdimensionalen Klinge. Das Ganze wirkt wie eine Fortentwicklung von Fertighausangeboten: eine simple, standardisierte Produktion, ausgestattet mit kompletter Technik, einfach installierbar, mitnehmbar zum nächsten Wirkungsort eines modernen Berufsnomaden. „Factory“ ist Sarows architektonische Antwort auf die „Simplify-Your-Life“-Bewegung und auf explodierende Wohnungspreise. Ein Thema, das er schon 2017 beim „Penthaus“ durchspielte, einem an der Hachelallee installierten, orangefarbenen Wohnwagen in bester Aussichtslage.

Die Wachtürme, die Gleise, die aufgereihten Häuser und die an eine Guillotine erinnernde Schneidevorrichtung lassen eine weitere, vor dem Hintergrund antisemitisch motivierter Gewalttaten brandaktuelle, beklemmende Lesart zu: Konzentrationslager und Vernichtung. „Was dieser Unort ausstrahlt, setze ich in Bilder um“, so Sarow. Auch die Zahl der Häuschen ist mehrdeutig: Sind es zwölf Apostel? Zwölf Geschworene?

Am kommenden Freitag ist Vernissage. Danach soll die 100 Meter lange Arbeit bis Ende des Jahres als Plattform für weitere künstlerische Interventionen dienen. Gespräche hierzu liefen bereits, sagt Sarow. Der Unort soll Treffpunkt sein – und ein Hingucker, der nachdenklich macht.

Eröffnung: Freitag, 18. Mai, um 19 Uhr, Untere Wilferdinger Straße 3, Pforzheim. OB wird Peter Boch erwartet. Es gibt eine Einfühung in die Arbeit, DJ Eros Bilgic legt auf.